Berlin - Für Pandemiezeiten wie jetzt sind Nachtzüge das beste Verkehrsmittel, meint Peter Cornelius. „Man kann ein ganzes Abteil für sich und die Familie buchen“, sagt der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn Berlin-Brandenburg. Hinter einer verschließbaren Tür bleibt man während der Reise unter sich, Kontakte zu anderen Menschen werden vermieden – das Virus hat keine Chance. Schade nur, dass die meisten Schlaf- und Liegewagenverbindungen wegen coronabedingter Reisebeschränkungen schon seit längerer Zeit brachliegen. In der Verwaltung von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) hält man auch sonst viel von Nachtzügen. Berlin soll Drehkreuz des europäischen Nachtzugverkehrs werden, heißt es dort. Eine Machbarkeitsuntersuchung soll jetzt klären, wie das gelingen könnte, sagte Sprecherin Constanze Siedenburg.

Der deutsche Ableger des dänischen Beratungsunternehmens Ramboll bekam vom Land Berlin den Auftrag, der dem Vernehmen nach mit 35.000 Euro dotiert ist. Es geht um mögliche neue Destinationen, um wirtschaftliche Bedingungen und Chancen, künftige neue Schienentrassen sowie andere Aspekte. Gewünscht wird auch ein „Zielfahrplan mit groben Abfahrts- und Ankunftszeiten in Berlin unter Berücksichtigung der Trassenlagen im Deutschland-Takt 2030“, heißt es in der Ausschreibung des Senats.

Berliner Verwaltung plant internationale Konferenz zum Nachtverkehr 

„Die Machbarkeitsstudie soll im Sommer 2021 fertig sein“, sagte Constanze Siedenburg. „Auf Grundlage der Ergebnisse ist für dieses Jahr eine Fachkonferenz geplant, zu der Nachtzugbetreiber und andere Akteure eingeladen werden sollen.“ Ziel ist ein Konzept, aus dem hervorgeht, was Berlin unternehmen muss, damit der Aufbau eines neuen europäischen Nachtzugnetzes vorangetrieben werden kann. „Die Untersuchung und die Workshops sind damit auch ein Beitrag des Landes Berlin zum Europäischen Jahr der Schiene 2021“, heißt es in der Ausschreibung, die der Berliner Zeitung vorliegt.

Die Europäische Kommission lässt ebenfalls die Chancen des Nachtzugverkehrs untersuchen – allerdings für 446 000 Euro. Die britische Kanzlei Steer Davies Gleave erhielt den Auftrag für das Pilotprojekt zur Revitalisierung der grenzüberschreitenden Nachtzüge. Aber auch hier gibt es einen Bezug zu Berlin: Dem Vernehmen nach ist das Berliner Beratungsunternehmen KCW an den Ausarbeitungen beteiligt.

Berlin als Drehkreuz des internationalen Nachtzugverkehrs: Das gab es schon einmal, über mehrere Jahrzehnte hinweg. Vor dem Ersten Weltkrieg konnte man im Schlafwagen vom Anhalter Bahnhof an die Côte d’Azur reisen. Eine andere Route führte nach Neapel, wo der Dampfer nach Alexandria in Ägypten abfuhr. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Stockholm, Rom und andere Städte ohne Umsteigen erreichbar. Selbst nach der Wende blieb das Angebot vielfältig. Ob nach Amsterdam, Kopenhagen, Paris, Bozen, Odessa, Riga, Warschau, Krakau, Sankt Petersburg, nach Simferopol auf der Krim oder gar ins 5635 Kilometer entfernte Novosibirsk in Sibirien – die Passagiere hatten die Wahl.

Künftig von Berlin direkt in den Großraum Kopenhagen und nach Stockholm

Doch Billigflieger und Fernbusse machten den Zügen in zunehmendem Maße Konkurrenz. Weil Trassenpreise und Stationsentgelte stiegen, wurde der Nachtzugbetrieb immer kostspieliger. Zur Schienenmaut kamen hohe Traktionskosten sowie gravierende Ungleichbehandlung: Während im Schienenverkehr Energiesteuern fällig werden, ist Kerosin steuerfrei. Anders als bei internationalen Flugreisen wurde in Deutschland auf Fernverkehrstickets bis vor kurzem der volle Mehrwertsteuersatz erhoben. Nach einer Änderung wird nun der ermäßigte Satz von sieben Prozent fällig.

Und so nahm auch in Berlin die Zahl der Nachtzüge immer weiter ab. 2016 zog sich die Deutsche Bahn (DB) ganz aus dem Geschäft mit Schlaf- und Liegewagen zurück. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sprangen in die Bresche. Wegen Corona fahren die Nightjets von Berlin nach Wien und Zürich wie viele andere allerdings nicht – derzeit bis Ende April. 

„Wir beförderten vor Corona pro Jahr rund anderthalb Millionen Reisende in unseren Nachtzügen. Die Tendenz war klar steigend,“ sagte ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder der Berliner Zeitung. „2020 waren wir bei zirka 60 Prozent der Fahrgäste im Vergleich zu 2019.“ Ende April 2021 sollen die Nightjet-Verbindungen wieder aufgenommen werden. „Wir gehen dann im Schlafwagen und bei den Privatabteilen von einer guten Buchungslage aus. Gerade die Privatsphäre im Schlafwagen und bei den Privatabteilen ist in Coronazeiten sehr gefragt.“ Ob sich die Erwartungen erfüllen, hänge allerdings davon ab, ob es wieder Reisefreiheit gibt, betonte Rieder.

„Wenn Corona vorbei ist, wird sich das Nachtzuggeschäft erholen – und wachsen“, sagt Peter Cornelius aus Berlin, der auch Nachtzugaktivist bei „Back on track“ ist. Die Airlines, die es dann noch geben wird, werden weniger Billigflugtickets anbieten können als früher. Fliegen wird teurer. Neue Anbieter sitzen bereits in den Startlöchern – wie das Unternehmen European Sleeper, das im Frühjahr 2022 in den Niederlanden und Belgien den Nachtzugverkehr aufnehmen möchte. Snälltåget aus Schweden hat angekündigt, vom 11. Juni 2021 an erstmals von Stockholm über Malmö und Høje-Taastrup bei Kopenhagen nach Berlin zu fahren. Die ÖBB will ihr Nightjet-Netz erweitern, wenn Siemens Ende 2022 die ersten neuen Wagen geliefert hat. Die Zahl der neuen Nightjet-Züge soll bis 2024 von 13 auf 33 wachsen. „Corona hat an der Planung nichts geändert“, versicherte ÖBB-Sprecher Rieder. Von den Investitionen werde auch Berlin profitieren: Geplant ist ab 2024 ein „Nightjet-Kreuz“ von Wien/Berlin nach Paris/Brüssel.

Die Hemmnisse bleiben

Der Fahrgastvertreter hofft, dass nach Corona die Vorteile des Nachtzugs stärker ins Blickfeld rücken. „Wer morgens einen Termin in einer anderen Stadt hat, muss nicht in aller Frühe aufstehen, um den ersten Flug zu nehmen. Er zieht sich am Abend mit Rotwein ins Nachtzugabteil zurück und wacht morgens am Ziel auf“, so Cornelius.

Allerdings: Die behindernden Faktoren, die hohen Trassenpreise, die steuerliche Ungleichbehandlung des internationalen Bahnverkehrs - all das dauert an. Der private Branchenverband Mofair kritisiert zudem das staatliche „Nachtzug-Kartell“, das privaten Betreibern den Einstieg erschwere. Und so sind Beobachter skeptisch, ob es wirklich zu einer umfassenden Renaissance des Nachtzugverkehrs kommen wird.

Beim Land Berlin, wo Senatorin Günther auch für den Klimaschutz zuständig ist, betont man einen anderen Aspekt. „Das Thema Revitalisierung der Nachtzüge ist für die Senatsverwaltung auch als Beitrag zum Berliner Klimaschutz wichtig, nicht zuletzt, weil grenzüberschreitende Nachtzüge für viele europäische Destinationen eine Alternative zum Flugverkehr bieten können“, sagte Sprecherin Constanze Siedenburg.