Zu stark belastet, zu wenig geschützt? Mitarbeiter der Corona-Teststelle am Flughafen Tegel
Foto:  Christian Schulz

BerlinPositiv auf Corona getestete Reiserückkehrer machen zurzeit 50 Prozent aller Neuinfektionen in Berlin aus. Das teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit der Berliner Zeitung am Montag auf Nachfrage mit. Die meisten positiven Testungen an den Berliner Flughäfen werden zurzeit bei Rückreisenden aus der Türkei und dem Kosovo festgestellt, so die Senatsgesundheitsverwaltung weiter. 

Damit sind Reiserückkehrer für die Region Berlin/Brandenburg eine besondere Herausforderung. Deutschlandweit liegt der Schnitt niedriger: Hier ist laut Robert-Koch-Institut nur jede dritte Corona-Neuinfektion auf Reiserückkehrer zurückzuführen. Ob die Bereitschaft, sich testen zu lassen, je nach Urlaubsort variiert, kann die Senatsgesundheitsverwaltung nicht beantworten. Dazu lägen „keine belastbaren Informationen“ vor, teilt sie mit.

Seit Öffnung der Teststellen an den beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld am 29. Juli seien in Berlin bis zum 12. August  - aktuellere Zusammenfassungen liegen offensichtlich nicht vor - 13.175 Personen getestet worden. Davon sind laut Senatsverwaltung 208 Tests positiv ausgefallen – das macht einen Anteil von 1,58 Prozent. Niedriger liegt die Rate der Positiv-Tests am Testzentrum am Zentralen Omnibusbahnhof in Charlottenburg: Dort fielen von 2266 Testungen nur drei positiv aus – ein Anteil von 0,13 Prozent. Eine neue Teststelle am Berliner Hauptbahnhof wurde an diesem Montag eröffnet.

Wie viele Reiserückkehrer die Flughäfen zunächst verlassen, ohne sich testen zu lassen, lässt sich erahnen, wenn man eine Zahl aus der Pressestelle der Flughäfen Berlin/Brandenburg gegenrechnet: Insgesamt 4000 Reiserückkehrer aus Risikogebieten kommen laut Flughafen-Pressesprecherin Sabine Deckwerth pro Tag an den beiden Flughäfen in Berlin an. Das sagte sie der Berliner Zeitung am Montag. In einem 14-tägigen Zeitraum würden so mindestens rund 56.000 Pflicht-Tests bei Reiserückkehrern fällig.

Für Reiserückkehrer aus Risikogebieten besteht – allerdings erst seit dem 8. August – eine Testpflicht. Sie müssen sich innerhalb von 72 Stunden testen lassen, müssen das aber nicht direkt am Flughafen tun, sondern können auch auf eine Arztpraxis ausweichen. Bis ein negatives Testergebnis vorliegt, sind sie zur Quarantäne verpflichtet.

Seit dem Wochenende stehen vor allem zwei Fragen im Raum: Wie sicher ist die Arbeit für die Mitarbeiter an den Teststellen? Und reicht ihre derzeitige Verfügbarkeit von 9 bis 21 Uhr aus – wenn doch die Flieger, auch aus Risikogebieten, auch früher und später landen?

Teststellen-Mitarbeiterin stellt Anzeige wegen Körperverletzung

Die Frage nach der Sicherheit stellt sich besonders nach einem gewalttätigen Übergriff auf eine Mitarbeiterin der Teststelle am Flughafen Tegel am Sonntag. Wie die Berliner Polizei dieser Zeitung mitteilte, attackierte ein Mann am späten Nachmittag eine 29 Jahre alte Teststellen-Mitarbeiterin. Er habe sein Kind testen lassen wollen. Die Familie sei auch tatsächlich geflogen – allerdings bereits einige Tage zuvor, sodass die Familie keinen Anspruch mehr auf einen Test gehabt habe.

Der Mann habe die Teststellen-Mitarbeiterin gegen ein Gitter geschubst und gedrückt. Die Frau sei verletzt und vor Ort von einem Rettungswagen versorgt worden. Sie hat laut Polizei-Sprecher Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen den Angreifer gestellt. Die Polizei muss nun zunächst die Identität des Verdächtigen ermitteln, der den Flughafen verließ, bevor die Polizei eintraf. Die Teststelle stellte die Arbeit nach dem Vorfall für den Sonntag ein. 

Ob die Senatsverwaltungen und die Kliniken Charité und Vivantes, deren Mitarbeiter die Teststellen mit den Johannitern oft ehrenamtlich besetzen, Konsequenzen aus dem Angriff ziehen? Der Vorfall werde untersucht, teilte die Senatsverwaltung für Wissenschaft dieser Zeitung am Montag mit. „Es wird über weitere Schutzmaßnahmen für Mitarbeiter der Teststellen beraten.“ An den Teststellen in Tegel und Schönefeld seien jeweils 20 Personen im Einsatz. Die Bundeswehr unterstütze inzwischen administrativ. „Die steigende Anzahl von Risikogebieten und ihre kurzfristige Bekanntgabe stellen eine zusätzliche Belastung für die Teststellen dar.“

Der Berliner CDU ist das nicht genug. Sie fordert eine wesentlich längere Besetzung der Teststellen – zumindest so lange, wie Flieger an den Flughäfen landen. „Wer sich am Flughafen nicht testen lässt, droht uns durchzuschlüpfen“, sagt Tim Zeelen, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, der Berliner Zeitung. Der Flugplan sei bekannt, warum die Teststellen nicht entsprechend besetzt seien, nicht zu verstehen. Ein Sicherheitskonzept fehle offensichtlich, das Personal sei auf sich allein gestellt. „Eine Zumutung.“

Das Robert-Koch-Institut weist auf seiner Homepage inzwischen über 80 Länder als Risikogebiete aus. Darunter: Ägypten, die Türkei, die USA, Belgien, Luxemburg, Kuba, Kenia, der Kongo, Israel, Teile von Spanien, Rumänien und Bulgarien. Neben den Infektionszahlen – die Grenze 50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner darf binnen einer Woche nicht überschritten werden – seien „maßgeblich für die Bewertung“ unter anderem die Testkapazitäten sowie durchgeführte Tests pro Einwohner sowie die in den Staaten ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens.

Die Regeln für Reiserückkehrer sind streng, Bußgelder drohen – doch so mancher Reisender in der Schlange vor dem Testzentrum am Flughafen Tegel am Montag sieht wenig Sinn in ihnen. „Wir haben neun Monate lang isoliert in einem Dorf in Südafrika gelebt“, erklärt ein 43-jähriger Turbinen-Ingenieur. Er und seine Freundin tragen passende Mundschutze. Sie ist Deutsche, er Südafrikaner, sie leben im Wechsel in beiden Ländern. Den Lockdown haben sie in Südafrika verbracht – zurückgezogen, fern von Infektionsherden. Jetzt zwingt die Arbeit sie zurück.

„Den meisten Kontakt zu Menschen hatten wir in den vergangenen zwei Tagen auf dem Flug“, sagt er. „Wenn, dann haben wir uns da angesteckt – aber das wird ein Test heute nicht zeigen.“ Seine Lebensgefährtin hätte den Flug am liebsten wegen des Tests ganz verschoben. Sie lehnt ab, dass sie rechtlich dazu verpflichtet wird: „Ich will selbst entscheiden, was ich mit meinem Körper tue“, sagt sie. Lieber hätte sie sich bloß in Quarantäne begeben, sagt sie.

Immerhin: Am Montag scheint es schnell zu gehen in Tegel. Eine 20-Jährige mit rotem Mundschutz, die gerade elf Monate in Australien gewohnt hat, sagt erleichtert: „Das ging schnell, keine fünf Minuten!“ Der schnelle Test sei besser, als sich zwei Wochen lang in Quarantäne zu begeben. „Rausgehen ist schöner.“

Neue Teststelle am Hauptbahnhof

Am Montag ist am Hauptbahnhof eine neue Corona-Teststelle gestartet. Reiserückkehrer aus Risikogebieten können sich 72 Stunden nach ihrer Ankunft ab sofort im 1. Untergeschoss des Hauptbahnhofs am geplanten Zugang zur U5 unter dem Europaplatz kostenlos auf das Virus testen lassen. Betrieben wird die Teststelle vom Deutschen Roten Kreuz mit Unterstützung der Bundeswehr. Geplant ist, dass die Teststelle montags bis sonnabends von 6 bis 23 Uhr und sonntags von 8 bis 23 Uhr geöffnet ist. Die Betriebsdauer werde dem tatsächlichen Bedarf der Bahnreisenden angepasst, hieß es von der Senatsgesundheitsverwaltung. Die Teststellen an den Flughäfen Schönefeld und Tegel haben nur von 9 bis 21 Uhr geöffnet. 

Weitere aktuelle Themen