Berlin - „Wir bestellen jetzt die Vampire ab.“ Was in der Sprache der Berliner S-Bahner lustig klingt, wird an diesem Nachmittag wenig heiter. „Vampir“ ist ist der Funkrufname für Züge auf der Linie S 25. Ohne sie geht es nur alle 20 Minuten von Berlin-Mitte nach Teltow - und nicht wie üblich alle zehn.

Es ist eine Entscheidung, die den Männern in der Transportleitung der S-Bahn nicht leicht fällt. Draußen weht ein eisiger Ostwind. Langes Warten wird Fahrgäste mal wieder wütend machen auf ihre S-Bahn. Aber es geht heute nicht anders. 10 von 50 S-Bahn-Fahrern auf den Nord-Süd-Strecken haben sich krankgemeldet, eine Reserve gibt es zurzeit nicht.

Die Transportleitung im Werk Schöneweide ist wie ein neues Herz der Berliner S-Bahn am traditionellen Standort. Seit Dezember läuft in einem Backsteinbau alles zusammen, was mit Personal- und Zugplanung zu tun hat. Die Transportleitung ist aber nicht mit der Betriebszentrale zu verwechseln, die für Infrastruktur wie Gleise und Stellwerke zuständig ist. Die neue Trennung ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Sie macht Ausschreibungen auf dem S-Bahn-Netz möglich.

In den neuen Räumen der Transportleitung beherrschen blinkende Monitore das Bild. Sechs Stück gibt es an jedem Arbeitsplatz, und nur Profis wissen den Wirrwarr aus Streckenplänen, Nummern und Tabellen zu deuten. Die Frühschicht ist um 5.30 Uhr komplett; acht Kollegen, eine Männerwelt. Nur drei von 50 Mitarbeitern hier sind Frauen. Dienstleiter Frank Jannasch steht am Schreibpult vor seinen Bildschirmen, umgeben von klingelnden Telefonen.

Der morgendliche Berufsverkehr rollt fast ohne Störung, das Problem mit der eiskalten S3, in der die Heizung ausfiel, ist gelöst. Ein Ersatzzug fährt, verspätet zwar und nur halb so lang, aber dafür mollig warm. Jannasch und sein Team müssen abwägen, was besser ist: Fahrgäste, die pünktlich, aber bibbernd ans Ziel kommen? Oder Kunden in einem warmen Zug, die später ankommen und sich zusammendrängeln müssen? Jannasch hat sich für für die Wärme entschieden.

Chaos und Pannenjahre

Die Berliner S-Bahn hat Chaos- und Pannenjahre durch Missmanagement, verschleppte Wartung und technische Probleme hinter sich. „Wiederaufbau“ sagen die S-Bahner zur momentanen Lage. „Unter Beobachtung“ nennt es Tobias Mertens als Chef der Transportleitung. Ein kleiner Lapsus - und der Frust der leidgeprüften Kunden kann sich blitzartig wieder entladen.

Trotzdem nimmt Mertens kein Blatt vor den Mund: „Einen zu hundert Prozent perfekten Betrieb gibt es nicht“, sagt er. Notarzteinsätze, umgekippte Bäume auf den Schienen, Großbaustellen und bockende Fahrzeugtechnik - das bleibe nicht aus. „Dann fährt eben auf einer Linie einmal nichts.“ Dass das ganze System stundenlang kollabiert, wie im Dezember nach einem Stromausfall, ist extrem selten; ein GAU. „Manchmal kann man nur die weiße Fahne hissen“, sagt Mertens.