Ein Gymnasiast kam aus dem Ägypten-Urlaub mit einem Bart zurück und stellte wenig später Videos und Botschaften, die den Islamischen Staat verherrlichten, ins Internet. Das meldeten andere Eltern der Schulleitung, die daraufhin den Schüler zur Rede stellte und externe Berater hinzuzog. Ein anderer Schüler zeigte IS-Propandavideos, gar Köpfungsszenen auf seinem Smartphone herum – und ein weiterer kam eines Tages mit Militärklamotten und einem schwarzen Kopftuch in die Schule.

Das sind Einzelfälle, aber dazu sollte es gar nicht erst kommen. Darüber sprachen am Mittwoch Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten und Jugendamtsmitarbeiter bei der Tagung „Extremistischer Salafismus“ im Roten Rathauses. So groß war der Andrang, dass zunächst aus statischen Gründen gar nicht alle in den Saal im dritten Stock vorgelassen wurden.

Tagung war lange vor Paris geplant

Die Veranstaltung war lange vor den Terrorattacken von Paris angesetzt worden. Die Verunsicherung unter den Berliner Pädagogen ist groß, das war spürbar. Gemeinsam besprachen sie mit anderen Berufsgruppen, wie Jugendliche vor islamistischen Einflüssen geschützt oder gar deradikalisiert werden können.

Ein heftig diskutierter Hinweis kam von einer Lehrerin der Spandauer Carlo-Schmid-Sekundarschule. Sie sagte: „Muslimische Jugendliche spüren sehr genau, was für ein Islambild ein Lehrer hat.“ Wenn der Lehrer Vorurteile habe oder alle muslimischen Schüler über einen Kamm schere, dann könne das Jugendliche erst recht radikalisieren. Orhan Senel von der Beratungsstelle Kompass sprach hier von der „Rest-Identität“ nicht weniger arabisch- oder türkischstämmiger Jugendlicher.

Viele hätten zwar den deutschen Pass, würden sich aber nicht als Deutsche bezeichnen. Wenn dann noch der Islam als „Rest-Identität“ angegriffen werde, fühlten sich manche männliche Jugendliche in die Enge getrieben. Laut Senel liegt der Anlass, sich zu radikalisieren, meist nicht ursächlich in der Religion. Zumal die meisten Schüler, die sich als Muslime bezeichneten, oft kaum etwas über den Islam wissen. „Radikalisierung ist ja auch ein großes Wort“, sagte Senel. Mitunter wollten die Jugendlichen im pubertären Alter einfach provozieren.

Streitthema Religion

Wenn sich Jugendliche radikalisierten, spielten meist Schwierigkeiten in Schule und Familien, ein kleinkriminelles Umfeld oder die fehlende Vaterfigur eine Rolle, sagte Thomas Mücke vom Verein „Violence Prevention Network. Rekrutierungsversuche fänden meist unter Gleichaltrigen statt, in Schule, Jugendklub oder Fitnesscenter.

Ein großes Streitthema unter Berliner Lehrern trat auch an diesem Mittwoch wieder offen zutage. Welchen Stellenwert soll Religion überhaupt in der Schule haben? In einer der Arbeitsgruppe hatte ein Deutsch-Araber von einer Beratungsstelle angeregt, mehr fundierten, spannenden Religionsunterricht an staatlichen Schulen anzubieten.

Wenn muslimische Schüler mehr über den wirklichen Islam erfahren würden, führe das zu einer „Grundimmunisierung“ gegenüber radikalen Islamisten und Salafisten. Eine steile These. Sofort reagierte eine Lehrerin aus Pankow und plädierte engagiert dafür, dass Religion in der Schule nichts zu suchen habe. Vieles könne im Fach Ethik angesprochen werden.

Ihre Kollegin aus Kreuzberg entgegnete prompt: „Religion gehört auch im Möchtegern-Atheisten-Berlin zur Realität.“ Das Thema würden die Kinder und Jugendlichen ohnehin mit in die Schule bringen. Der Psychologe Ahmand Mansour forderte Lehrer und Sozialarbeiter dann noch auf, Schülern auch im Internet noch stärker Grenzen zu setzen, auf radikale Postings sofort zu reagieren.

Muslimische Berater zur Hilfe zu holen

Was aber tun, wenn ein Schüler sich schon radikalisiert hat? Lehrer berichteten darüber, dass es dann hilfreich sei, muslimische Mitarbeiter einer Beratungsstelle zur Hilfe zu holen. Denn die würden von radikalisierten Jugendlichen noch am ehesten akzeptiert. Nach und nach könne dem Schüler dann auch ein anderes Islambild vermittelt werden.

Gängige Praxis sei inzwischen auch, dass die Polizei bei Vorfällen nicht nur Anzeigen schreibt, sondern auch Schule oder Jugendamt einschaltet. Würden die Eltern nicht kooperieren, hätten die Familiengerichte sogar die Möglichkeit, ihnen wegen Kindeswohlgefährdung das Sorgerecht zumindest temporär zu entziehen. Darauf wiesen Mitarbeiter des Jugendamtes hin. Oft sind es aber gerade die besorgten Eltern, die sich hilfesuchend an Beratungsstellen oder Lehrer wenden.