Am frühen Mittwochabend ist es wegen des Mobbing-Falls an der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof zu einem Krisentreffen in der Senatsbildungsverwaltung gekommen. Die Eltern des bedrohten Mädchens trafen auf den Schulleiter, moderiert wurde das Gespräch vom zuständigen Schulaufsichtsbeamten und der Antidiskrimierungsbeauftragten der Bildungsverwaltung, Saraya Gomis.

Der Termin war aufgrund der bundesweiten Debatte um die Vorfälle vorgezogen worden. Wie berichtet, war an dieser Grundschule vor kurzem eine Zweitklässlerin von Mitschülern aus muslimischen Familien beschimpft worden. Ein Mitschüler soll gedroht haben, sie umzubringen, weil sie nicht an Allah glaube.

Bei dem Krisentreffen ging man aufeinander zu: Der Schulleiter räumte dem Vernehmen nach bei dem Treffen Fehler ein. Der Vater des Mädchen wirft ihm vor, die Vorfälle nicht ernst genug genommen zu haben, hieß es. Die Senatsmitarbeiter entschuldigten sich für Missverständnisse und regten weitere Treffen an und wollen, dass externe Kräfte tätig werden, um allen Schülern Respekt vor Andersdenkenden zu vermitteln. Auch die Schulaufsicht soll die Vorgänge an der Schule stärker beobachten.

„Abscheuliche Vorkommnisse“

Der Vater hatte berichtet, dass seine Tochter in den vergangenen Jahren in drei Fällen aus religiösen Gründen gemobbt worden sei, dabei soll sie von Mitschülern mit dem Tode bedroht worden sein, weil sie nicht an Allah glaubt. Der Schulleiter hatte am Montag in einem Brief an Elternvertreter zwar „abscheuliche Vorkommnisse“ eingeräumt, aber in einem Fall auch davon geschrieben, dass das Kind von Mitschülern angesprochen worden sei, sich zum Thema Religion auszutauschen. Letztere Formulierung hatte der Vater als verharmlosend bezeichnet.

Mobbing aus religiösen oder kulturellen Gründen nimmt nach Einschätzung des Berliner Psychologen und Islamismus-Kenners Ahmad Mansour an Schulen deutlich zu. „Mit der Radikalisierung von Jugendlichen hat sich auch ein bestimmtes Islamverständnis breit gemacht“, sagt Mansour. Die Konflikte aus den Heimatländern von Schülern würden nun in deutschen Klassenzimmern ausgetragen.

Intoleranz muslimisch geprägter Kinder und Jugendlicher

Antisemitismus spiele dabei eine große Rolle, sei aber Teil eines noch größeren Problems: der Intoleranz muslimisch geprägter Kinder und Jugendlicher. Im Kern gehe es um Intoleranz gegenüber Menschen, die den Islam anders lebten und auch gegenüber Menschen anderen Glaubens. Es gebe Schüler, die gemobbt würden, weil sie nicht fasteten – oder Mädchen, weil sie kein Kopftuch trügen.

„In dieser Intensität sehe ich Intoleranz als Problem muslimisch geprägter Kinder und Jugendlicher“, sagte Mansour. „Bei Grundschülern können wir davon ausgehen, dass die Erziehung im Elternhaus ihr Weltbild prägt. Wenn ich mein Kind zur Toleranz erziehe, kommt es in Schulen sicherlich nicht zu solchen Bedrohungssituationen.“

„Die Konflikte nehmen auch zu, weil Schulen keine Antwort finden“, so Mansour. Als Lösungsansatz forderte er eine grundlegende Schulreform. Lehrer müssten ganz anders ausgebildet werden. „Wir brauchen neue Lerninhalte über Werte, Toleranz und Streitkultur, vor allem über das Aushalten von anderen Meinungen.

Wir müssen schon mit Grundschulkindern über Werte sprechen. Über Männlichkeit, über Sexualität, über Streitkultur und über Ängste.“ Eltern müssten Teil der Schule sein. „Wir brauchen Sozialarbeit, die Konflikte früh erkennt und zum Thema macht. Und wir brauchen Schulleitungen, die Konflikte nicht klein reden, damit ihre Schule nicht als Problemschule gilt“, sagte Mansour. (mit dpa)