Nun geht auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) auf die verstörenden religiös motivierten Mobbingvorfälle an der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof ein. „Wir müssen uns alle entschieden gegen antisemitische Äußerungen stellen und sagen: Stopp, das akzeptieren wir als Gesellschaft nicht“, sagte Müller am Montag der Berliner Zeitung. „Dafür müssen alle genau hingucken und hinhören.“ Die Sensibilität jedes einzelnen sei gefordert, um so etwas zu verhindern. Der Vorfall sei „furchtbar und besorgniserregend“, sagte Müller weiter.

Die Berliner Zeitung hatte zuvor berichtet, dass ein Mädchen aus der zweiten Klasse von Mitschülern aus muslimischem Elternhaus massiv bedroht worden war, weil sie „nicht an Allah glaubt“. Ihr Vater hatte berichtet, wie seine Tochter von Mitschülern in den vergangenen drei Jahren in mehreren Fällen herabgewürdigt worden sei. Sowohl die Schulleitung als auch die Senatsbildungsverwaltung bestätigten die Vorgänge, die dort seit Jahren bekannt sind. Zuletzt wurde das Kind auch wegen der jüdischen Herkunft eines Elternteils von einem Mitschüler angegangen.

Unabhängig vom Glauben 

Für die von Senatschef Müller in der Zeitung BZ geäußerte Hoffnung, dass dies „nur ein Einzelfall ist und bleibt“ – bezogen insbesondere auf Todesdrohungen gegen das Mädchen – gibt es indes im Schulalltag kaum Anlass. Die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Maja Lasic, berichtete in der Berliner Zeitung von Erfahrungen aus ihrer Zeit als Lehrerin im migrantisch geprägten Stadtteil Wedding. „Es gibt diese kulturell-religiösen Einstellungen“, sagte Lasic. Es seien keine Einzelfälle. Dort, wo Lasic, selbst Einwanderin aus dem früheren Jugoslawien, vor Jahren unterrichtete, hat sie heute ihren Wahlkreis und führt viele Gespräche. „Unser Job als Politiker ist es, die Lehrkräfte im Umgang mit sich selbst und mit der Schülerschaft zu stärken“, sagt sie.

Erstmals seit der Veröffentlichung der Vorgänge äußerte sich nun erneut der Vater des von Mitschülern sogar mit dem Tode bedrohten Mädchens. Er und seine Frau sähen es kritisch, sagte er im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass die Vorfälle in manchen Medien nur als antisemitisch dargestellt würden. Der Vater betont, dass die Mitschüler bei den ersten Beschimpfungen und Drohungen noch gar nichts davon gewusst hätten, dass ein Elternteil des Mädchens jüdischer Herkunft sei.

„Bei diesem religionsbasierten Mobbing geht es keinesfalls ausschließlich um einen Konflikt zwischen Moslems und Juden“, sagte der Vater. Reduziere man die Vorgänge auf Antisemitismus, entstehe der Eindruck, dass hier nur zwei Minderheiten – Muslime und Juden – ihre Konflikte in Deutschland austragen. „Gerade darum geht es nicht. Unsere Tochter ist eine Deutsche und nicht religiös erzogen“, sagte er. 

Es gehe darum, dass Kinder aus nichtmuslimischen Elternhäusern – egal welcher Glaubensrichtung oder auch ohne – teilweise verfolgt oder aus der Gruppe ausgestoßen würden. „Und das bereits in der Grundschule“, sagte der Mann, der zum Schutz seines Kindes anonym bleiben will.

Viertklässlerin als „gottlos" bezeichnet

Eine erneute Aufteilung in „Brüder und Nichtbrüder“ oder „Menschen und Unmenschen“ nach religiösen oder auch nach anderen Merkmalen dürfe gerade in Deutschland nicht hingenommen werden. Ähnlich äußerte sich am Montag auch die Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates. „Es geht hier eben nicht nur um Antisemitismus.“ Erst vor kurzer Zeit habe sie eine Begegnung mit einer Mutter und ihrer Tochter gehabt.

Die Viertklässlerin habe die Weddinger Schule wechseln müssen, weil sie von Mitschülern als „gottlos“ bezeichnet und schlecht gemacht worden sei. Zuvor hatte sie sich kritisch gegenüber Schülern geäußert, die im Fastenmonat Ramadan auch während der Schulzeit streng gefastet hatten. „Es geht hier um die Frage, wie wir als Gesellschaft künftig zusammenleben wollen“, sagte Ates. „Werte wie Toleranz und universelle Menschenrechte sollten weiter die Grundlage unseres Zusammenlebens sein.“

Gespräche mit Schulaufsicht

„Die genannten Vorwürfe sind bekannt und werden von uns sehr ernst genommen“, hatte der Schuleiter auf Anfrage mitgeteilt. „Bei allen Vorgängen haben wir im Krisenteam beraten und unser Vorgehen mit Schulaufsicht und Polizei abgestimmt.“ Auch hätten zwei Schüler außerhalb der Schule ein IS-Enthauptungsvideo in eine WhatsApp-Gruppe eingestellt, bestätigte der Schulleiter.

Danach sei ein Brief an alle Eltern gegangen. Es wurde an die Verantwortung der Eltern appelliert, sollten sie ihren Kinder erlauben, Whatsapp zu nutzen. In der Schule selbst gibt es ein Handyverbot. Nach den Osterferien soll der jüngste Vorfall mit Eltern und Schulaufsicht besprochen werden. 

Keinen falschen Eindruck erwecken

„Diskriminierung darf nicht dazu führen, dass gemobbte Kinder von der Schule genommen werden“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag der Berliner Zeitung. „Wir haben den Auftrag, sie zu schützen.“ Tatsächlich will das bedrohte Mädchen nun die Schule wechseln.

Der Eindruck sei zu vermeiden, dass sich ’Diskriminierer’ durchsetzten, mahnte die Senatorin. „Deshalb halte ich das frühzeitige und konsequente Intervenieren sowie das Einbeziehen von Externen für wesentlich“, sagte Scheeres. „Das Hauptproblem liegt in den Familien.“ Ihnen müsse deutlich gemacht werden, dass es keine Akzeptanz oder Ausreden für solches Verhalten gebe. (mit jan.)