Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, sie sind so verschieden wie die Stadt selbst. Was also macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und ihren persönlichen No-go-Areas. Sie verraten ihre Gastro-Geheimtipps, Shopping-Favoriten und Kiezgeheimnisse. Aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal hat René Pollesch unsere Fragen beantwortet. Der Dramatiker und Regisseur ist seit über 20 Jahren eine feste Größe in der Berliner Theaterlandschaft. Pollesch leitete zunächst die kleine Volksbühnen-Spielstätte Prater in Prenzlauer Berg und entwickelte sie zu einem innovativen Theaterort. Er inszenierte an wechselnden Häusern, bevor er 2021 die Intendanz der „großen“ Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz übernahm – als Retter und Katastrophenhelfer, wie Der Spiegel bei seinem Amtsantritt schrieb.

Der 59-Jährige kommt eigentlich aus Hessen, ist aber längst in Berlin angekommen: Pollesch lebt zur Miete in Prenzlauer Berg, „mit wechselnden Menschen“, wie er sagt. Er habe kein Haus, kein Auto und kein Pferd, lässt er uns noch wissen.

1.     Herr Pollesch, seit wann genau sind Sie schon in der Stadt?

Seitdem mich die Volksbühne eingeladen hat, hier fest zu arbeiten: seit 2001. Vorher war ich fast ein Jahr lang immer einen Tag in Berlin und einen in Hamburg.

2.     Was ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Die Wohnung direkt neben der, wo einst „Gott“ wohnte, in der Schönhauser Allee, mit dem Klingelschild Dr. Hacks (gemeint ist der Dichter Peter Hacks, Anm. d. Red.). Neulich bin ich nach Jahren auch wieder an meiner ersten Wohnung vorbeigekommen, in der Christburger Straße, und war ziemlich berauscht von den Erinnerungen daran.

3.     Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

In ein Bett. Irgendeines.

4. Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Berlin war tatsächlich die erste Stadt, wo ich keine Ecken meiden musste.

Thomas Aurin
Zur Person

René Pollesch kam 1962 im hessischen Friedberg zur Welt. Sein Vater war Maschinenschlosser und Hausmeister, die Mutter Hausfrau. In den 80ern studierte Pollesch in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft. Einige Zeit war er arbeitslos, bevor er 1996 ein Arbeitsstipendium am Royal Court Theater in London erhielt und 1997 ein zweites an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.

Schon während des Studiums schrieb Pollesch Theatertexte, er arbeitete bei Dozenten wie Heiner Müller und George Tabori an szenischen Projekten mit. Den Durchbruch schaffte er 1999, als sowohl das Staatsschauspiel Stuttgart, das Theater Luzern und das Junge Theater Göttingen ihn mit Aufträgen bedachten. 2002 wurde er in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute zum besten deutschen Dramatiker gewählt.

Von 2001 bis 2007 leitete er die Prater-Spielstätte in der Kastanienallee, 2021 übernahm er die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Im Laufe seiner Karriere schrieb Pollesch etwa 200 Stücke. Bis auf wenige Ausnahmen inszeniert er sie selbst, unter anderem am Burgtheater Wien, den Münchner Kammerspielen, am Schauspielhaus Hamburg sowie am Deutschen Theater in Berlin.

5. Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Wo immer Christine Groß kocht. Und Sophie Rois und Martin Wuttke. Und Nina von Mechow und Andreas Deinert.

6. Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Ich hab eigentlich keine Shopping-Erlebnisse.

7. Der beste Stadtteil Berlins ist …

Ich bin ja nun hier in Prenzlauer Berg, weil ich hier arbeite. Ich hab mir das nicht wirklich ausgesucht. Ich käme jetzt nicht auf die Idee, nach Kreuzberg zu ziehen oder nach Wilmersdorf.

8. Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Alles Dörfliche.

9. Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

Der Erhalt bedrohter linker Hausprojekte und Jugendzentren, Aussetzung von Zwangsräumungen, Straffreiheit für Besetzer:innen zum Beispiel.

10. Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Na, die charmanten Unentschlossenen sollen schon kommen. Allen anderen Unentschlossenen würde ich abraten.

11. Cooler als Berlin ist nur noch …

Na, ich bin schon ein bisschen rumgekommen, aber was Besseres hab ich noch nicht gefunden. Und, ehrlich gesagt, auch nichts Cooleres. Sofia fand ich ganz cool, und Santiago de Chile sehr toll. Die Städte, die ich als Jugendlicher in Unkenntnis ganz toll fand, waren dann später auch nicht mehr so cool.