Der Neueinsteiger aus Berlin hat es geschafft: Er ist die Nummer eins. Im vergangenen Dezember haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) die Nachtzugverbindung von Berlin in die Schweiz übernommen und in eine neue Route integriert. „Heute ist Hamburg–Berlin–Zürich unsere aufkommensstärkste Nachtzugstrecke überhaupt“, sagt Fernverkehrschef Kurt Bauer.

„Dort werden wir innerhalb des ersten Jahres rund 200 000 Reisende befördern.“ Nun wird der Fahrplan verbessert. Zudem prüfen die Österreicher, ob sich ein weiterer Nachtzug von und nach Berlin lohnen würde. Sie denken darüber nach, ob sie die Verbindung nach Wien, die im Dezember eingestellt wird, 2018 wieder aufleben lassen.

Abends in Berlin einschlafen, morgens in der Ferne wieder aufwachen: Es ist noch nicht lange her, da konnte man über Nacht direkt nach München, Amsterdam, Kopenhagen, Köln, Bozen, Krakau, Kiew, Nowosibirsk und zu vielen anderen Zielen reisen. Doch eine Schlaf- und Liegewagenverbindung nach der anderen wurde eingestellt, bis sich die Deutsche Bahn (DB) im Dezember 2016 aus dem Geschäft zurückzog. Die ÖBB übernahm einige Routen und erweiterte das Nightjet-Netz auf 15 Strecken – auch zwischen Berlin, Freiburg, Basel und Zürich.

Schon im ersten Jahr rentabel

Nach fast einem Jahr ziehen die Österreicher nun Bilanz. „Wir sind mit dem Geschäft insgesamt zufrieden“, sagt Fernverkehrschef Bauer. Das neue, erweiterte Nightjet-Netz sei schon im ersten Jahr rentabel. Im ersten Jahr werde sich die Zahl der Fahrgäste, die mit den Zügen über Nacht reisen, auf 1,4 Millionen summieren. Die Tagesrandreisenden kämen hinzu. Große Gewinne ließen sich nicht erzielen. Doch die Bilanzzahlen seien schwarz – nicht rot.

Rote Zahlen waren das Hauptargument, wenn die DB Schlaf- und Liegewagenverbindungen strich. Sie benötigten viel Personal, hieß es. Weil Nachtzüge lange Strecken zurücklegen, seien auch die Trassenkosten hoch. Für jeden gefahrenen Kilometer erhält der Netzbetreiber Geld. Die Zahl der Fahrgäste sank. Fliegen ist oft billiger. Kein Wunder, für Flugtickets ins Ausland wird keine Mehrwertsteuer fällig, für Zugtickets 19 Prozent. Flugbenzin ist steuerfrei, die Bahn muss Steuern für Strom und Diesel zahlen.

Allerdings kommt es auch darauf an, ob ein Unternehmen Nachtzüge will. Bei der DB gab es zuletzt kaum noch Fürsprecher – auch weil hohe Investitionen anstanden. „Controller können alles totrechnen“, sagte ein Beobachter. Bei der ÖBB haben Nachtzüge mehr Bedeutung, von Wien aus sind wichtige Ziele nur mit langen Tagesreisen oder im Schlaf über Nacht erreichbar. Während die DB zuletzt nur noch ein Prozent des Umsatzes mit Nachtzügen erwirtschaftete, ist der Anteil bei der ÖBB von 17 auf mehr als 20 Prozent gestiegen. Auslastung in Deutschland: rund 60 Prozent. „Die Zahlen liegen über den Erwartungen“, so Bauer. Allerdings: „Wir müssen nachhaltig die Kosten managen, um langfristig erfolgreich sein zu können.“

Der Nachtzug zwischen Hamburg, Berlin und der Schweiz fährt mit mindestens zehn Wagen. „Doch nicht selten sind es zwölf oder 13“, sagt Bauer. Vor allem die Deluxe-Abteile in den Schlafwagen seien oft ausverkauft. „Schweizer haben ein Faible für die Bahn – und eine hohe Zahlungsbereitschaft.“ Aber auch Deutsche nutzen die Verbindung, etwa um zum Wintersport zu reisen. Spartickets sind ab 29 bis 129 Euro zu haben, je nachdem, ob man Sitz-, Liege- oder Schlafwagen nutzt.

Neue Halte Ostbahnhof und Zoo

Zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember gibt es eine Änderung: Künftig wird der Zug in Hildesheim geteilt. Eine Hälfte fährt über Hannover nach Hamburg, die andere über Magdeburg und Potsdam nach Berlin. Das spart Wagenlaufkosten – bisher dreht der Zug eine Runde durch Ost- und Norddeutschland. Sachsen-Anhalt und Brandenburg erhalten nun neue Fernverbindungen, Berlin erhält bequemere Fahrzeiten.

Statt gegen 6 Uhr wird der Nightjet erst gegen 8 Uhr in Berlin eintreffen. Er fährt auch zwei Stunden früher ab – um 21 Uhr. Ebenfalls neu: Außer am Hauptbahnhof hält der Zug in Berlin künftig am Ostbahnhof, am Zoo und in Wannsee.

Zum Fahrplanwechsel gibt es auch eine schlechte Nachricht: Die ungarische Staatsbahn MÁV kürzt die Strecke des Nachtzugs Metropol. Berlin verliert die Nachtverbindung nach Wien und Budapest. Nachdem vor drei Jahren die direkte Tageszugverbindung eingestellt wurde, kann man auch nachts nicht mehr ohne Umsteigen von der deutschen in die österreichische Hauptstadt reisen. „Das geschäftliche Ergebnis des Zuges ist negativ“, teilt die MÁV mit.

Weil ihr die Einstellung erst Ende August mitgeteilt worden sei, habe die ÖBB für Dezember nicht reagieren können, so Bauer. Es werde aber darüber nachgedacht, wie die direkte Zugverbindung Berlin–Wien wiederbelebt werden könnte – wobei alle Optionen betrachtet werden: für die Nacht, tagsüber oder beides. ÖBB prüfe, welche Möglichkeiten es ab Ende 2018 gibt, sagt Bauer. „Wir suchen Alternativen.“