Berlin - Es hilft alles nichts. Nicht die hellgrünen Wände, die schwungvollen lila Farbbänder darauf und auch die knallblauen Sitzbänke nicht. Der Flur des Kreuzberger Sozialamtes ist und bleibt ein trister Ort. Mit einer Klarsichthülle voller Kontoauszüge und behördlicher Bescheide sitzt Ursula K. auf dem Amtsflur und wartet darauf, von ihrer Sachbearbeiterin herein gebeten zu werden. Heute ist Beratungstag im zweiten Stock, wo es um die Grundsicherung geht.
Die wird gezahlt, wenn Hartz IV nicht mehr greift. Das ist vor allem bei Schwerbehinderten der Fall und bei Rentnern, deren Rente nach einem Arbeitsleben nicht ausreicht, um davon leben zu können. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist davon jeder zehnte Rentner betroffen, rund 3 700 Menschen. Damit belegt der statistisch gesehen jüngste Bezirk von Berlin (nur zehn Prozent der Bevölkerung sind älter als 65 Jahre) in Sachen Altersarmut den Spitzenplatz. Das belegt der aktuelle Bericht der Sozialverwaltung "Zur sozialen Lage älterer Menschen in Berlin - Armutsrisiken und Sozialleistungsbezug"

492,21 Euro Rente im Monat

Ursula K. kennt den Bericht nicht, aber sie weiß, dass sie nach 46 Jahren Arbeit mit 492,21 Euro Rente im Monat da steht. Und sie weiß, dass das nicht reicht. "Vielleicht war mein dümmster Fehler, dass ich vergangenes Jahr mit 65 aufgehört habe zu arbeiten", sagt sie. Am heutigen Tag ist sie wegen 37,43 Euro zum Sozialamt gekommen. Die stehen ihr zu, die braucht sie. Schon um die 33,50 Euro für ihre Monatsfahrkarte zahlen zu können. Die Fahrkarte wiederum braucht sie, um sich hundert Euro im Monat als Haushaltshilfe hinzu verdienen zu können. Das Geld ist noch bis Ende des Jahres bewilligt, und Ursula K. möchte sicherstellen, dass es danach weiter geht.

Ganz bestimmt wäre es besser gewesen, sie wäre im Westen geblieben, damals nach dem Mauerfall, meint sie. Dann hätte sie weiter so gut verdient, als Saisonkraft - "ein Knochenjob" - am reichen Bodensee im Sommer oder in Garmisch im Winter, dann hätte sie weiter so viel in die Rentenkasse einzahlen können. "Aber - wo die Liebe hinfällt", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Sie zog zu ihrem späteren Mann nach Friedrichshain und bekam fortan wesentlich weniger Lohn für ihre Arbeit. Ursula K. hat vier erwachsene Kinder und sogar Enkelkinder. Der Kontakt sei abgebrochen. Aber auch sonst würde sie nicht auf die Idee kommen, um Geld zu bitten.

Der Gang aufs Sozialamt fällt ihr nicht leicht. "Hierher zu kommen fühlt sich an wie Betteln", sagt sie. Dabei seien sie und ihr Mann ja sogar Doppelverdiener. Gemeinsam haben sie es geschafft, in den vergangenen 20 Jahren 70.000 Euro Schulden abzubezahlen. "Immerhin", sagt sie und lächelt. "Wenn ich jetzt morgens den Briefkasten aufmache, sind da keine Mahnungen mehr drin."

Zu alt zum Holz und Kohle sammeln

Ihr Mann ist zehn Jahre jünger und arbeitet - noch. Früher war er Bauarbeiter, als das nicht mehr ging, arbeitslos. Jetzt hat er einen 465-Euro-Job im Altenheim. Sein Gehalt geht komplett für die Miete der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung drauf. Das Geld seiner Frau muss für alles andere reichen - Lebensmittel und Versicherungen. Mehr sei nicht drin, sagt sie. Früher hätten sie Holz und Kohle gesammelt. Doch dafür seien sie inzwischen zu alt.

"Eigentlich hat man ja in einem bestimmten Alter auch alles, man braucht ja nichts mehr." Neulich habe sie von einem Freund 50 Euro zum Geburtstag bekommen. Sie wünschte sich zwei Fleecedecken, zu je 10 Euro. "Aber dann musste ich von dem Geld wieder was anderes bezahlen." Am meisten wünscht sie sich, mal wegfahren zu können. In die Eifel, oder den Schwarzwald, nur ein paar Tage wären toll. "Aber ich mache keine Pläne mehr, schon lange nicht mehr", sagt sie.
Ursula K. ist jetzt 66 Jahre alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen in Berlin liegt bei 82,2 Jahren.