Die Frage muss Harald Jungnickel nicht zum ersten Mal beantworten. „Nein, Rudolph heißt hier keiner“, sagt der 53-jährige Pfleger bei den Rentieren im Berliner Zoo. Rudolph ist schließlich das berühmteste Rentier der Welt. Es wurde durch ein Lied, Geschichten und durch einen Zeichentrickfilm bekannt – Kinder und Erwachsene aus aller Welt wissen, dass der arme Rudolph unter einer Nase litt, die bei Aufregung rot leuchtete. Doch wer den Schaden hat, dem winkt manchmal auch das Glück – Rotnase Rudolph durfte am Ende dem Weihnachtsmann den Weg zu den Kindern ausleuchten.

Mr. Ed, wie der Chef der siebenköpfigen Rentier-Herde im Zoo heißt, hätte das auf keinen Fall getan. „Nicht nur, weil Rentiere nun mal keine leuchtende Nase kriegen, nicht mal bei Schnupfen“, sagt Jungnickel. Und Mr. Ed, der immer ein wenig so steht wie das sprechende Pferd in der gleichnamigen US-Fernsehserie und deshalb von den Tierpflegern auf seinen Namen getauft wurde, sei viel zu temperamentvoll, um sich vor einen Schlitten spannen lassen, sagt Benjamin Ibler, der Kurator für die Huftiere. „Auch nicht vom Weihnachtsmann.“ Selbst bei den zahmen Rentieren lassen sich nur kastrierte Böcke als Zugtiere einsetzen. Doch Mr. Ed ist noch ein richtiger Mann – und genau wie seine Damen Ragna, Gunna, Socke, Lana und Mom und das kleine Böckchen Bubi ein echtes Wildtier.

Nur noch 5 500 Tiere

Sie alle sind Europäische Waldrentiere, etwa 20 Zentimeter größer als die domestizierten Rentiere, die von den Völkern der Tundra gehalten werden. „Sie sind auch viel schöner, langbeiniger und haben ein wundervolles cremefarbenes Fell“, schwärmt Ibler von seinen Schützlingen. Die gehören eigentlich zur Art der Hirsche, sind mit einem Durchschnittsalter von etwa drei Jahren alle noch recht jung – und die einzige Zuchtgruppe ihrer Art in deutschen Zoos. Und dazu sind sie auch noch ziemlich selten: In der freien Wildbahn gibt es Waldrene nur noch im russischen Teil von Karelien und in Finnland, geschätzt wird die Population auf etwa 5 500 Tiere.

Ibler ist deshalb stolz auf die Zuchterfolge im Berliner Zoo. Erst seit 2009 werden Waldrene dort wieder gehalten, in der historischen Freianlage von 1932 mit einem Stall in Fachwerkhaus-Anmutung. Bisher wurden bereits drei Jungtiere dort aufgezogen. Schon in den 1930er-Jahren gab es im Zoo eine Gruppe dieser Wildtiere, doch sie überlebten den Zweiten Weltkrieg und die Futterknappheit danach nicht.

Leibspeise: Flechten

Denn Waldrentiere sind wesentlich mäkliger als ihre gezähmten Verwandten (von denen eine Gruppe im Tierpark gehalten wird). In der Natur fressen sie fast 1 500 verschiedene Arten von Blütenpflanzen, Moosen und Flechten, sogar solche, die für Menschen giftig oder gar tödlich sind. „Diese Vielfalt können wir ihnen natürlich nicht bieten“, sagt Ibler. Dafür bekommen sie etwas, was sie im hohen Norden nicht finden: frische Äpfel, anderes Obst und Gemüse, besonders Karotten. „Das mögen sie auch sehr.“ Heu dagegen verschmähen sie – sind sie doch keine Kühe. Ihre absolute Leibspeise wird aus den Kälteregionen Europas importiert: Rentierflechte. „Die bekommen sie als Dessert“, sagt Ibler. Und weil das alle futtern möchten, kann es da durchaus zu der einen oder anderen Rauferei kommen. Weil bei den Renen sowohl Männchen als auch Weibchen Geweih tragen, können diese ziemlich schmerzhaft sein. Deshalb muss Ragna auch immer in ein Extra-Gehege, wenn Mr. Ed, der sich gern als Pascha aufspielt, auftaucht. „Er mag sie nicht“, erklärt Pfleger Jungnickel. Warum, wisse keiner. „Er kann sie einfach nicht riechen. Das passiert auch bei Tieren, da sind sie uns Menschen ein wenig ähnlich.“ Auch die Rene mögen die Weihnachtszeit, vor allem, wenn es so wie in den vergangenen Tagen kalt ist und Schnee auf der Anlage liegt. Manchmal gingen die Tiere gar nicht in ihren Stall, sondern blieben auch nachts in der Kälte, erzählt Jungnickel. „Das ist einfach ihr Wetter." Zum Fest bekommen Mr. Ed und die Seinen keine besonderen Gaben, nicht einmal eine Extra-Futterration. Vielleicht, wenn der Wettergott mitspiele, schneie es ja wieder, sagt Jungnickel. Das wäre wohl eines der schönsten Geschenke für die Rentiere.