Berlin - Es war ein Urteil, mit dem wohl jeder im Saal gerechnet hat. Selbst der Verteidiger des 84-jährigen Angeklagten. „Die Tat war ein heimtückisch begangener Mord“, sagte Gregor Herb, der Vorsitzende Richter der 30. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts, am Freitag in seiner Urteilsbegründung. Doch das verhängte Strafmaß für den angeklagten Peter G. ist nicht lebenslange Haft, wie es das Gesetz bei Mord vorsieht. Der Rentner, der seine 93-jährige Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung in Neukölln getötet hat, muss für sieben Jahre ins Gefängnis. Mit der Entscheidung folgte die Kammer dem Antrag der Staatsanwältin.

Peter G. hat seine schlafende Ehefrau in der Nacht zum 6. Januar dieses Jahres in der gemeinsamen Wohnung in der Mahlower Straße in Neukölln mit mindestens 30 Hammerschlägen auf den Kopf und das Gesicht umgebracht. Anschließend schnitt er ihr mit einem Messer in den Hals und stach ihr in den Oberkörper. Nach der Tat versuchte der Rentner, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Als er scheiterte, rief er die Polizei.

Die Tat habe Peter G. nicht aus Hass oder Verdruss auf seine gebrechliche Ehefrau begangen, sagte Richter Herb. Sie sei „schlichtweg der einzige Ausweg gewesen, den Herr G. gesehen habe“. Die Spirale von Problemen habe den Angeklagten in einen Tunnel geführt, in dem er nicht mehr habe überlegen können, ob der Tod desjenigen, den man liebt, die Lösung sein könne. Peter G. war nach mehreren Stürzen in ein Krankenhaus eingeliefert worden, dort wurde bei ihm ein Tumor festgestellt. Doch statt weitere Untersuchungen über sich ergehen zu lassen, verließ er am 5. Januar die Klinik. Er konnte seine Frau nicht alleine lassen.

Mehr als 50 Jahre lang verheiratet

Peter G. war mit seiner „Kleenen“, wie er seine Frau immer genannt hatte, mehr als 50 Jahre verheiratet. Sie hätten gemeinsam erfahren, was es bedeute, alt zu werden, sagte Herb. Seit drei Jahren war Ilona G. so sehr gebrechlich, dass sie die im dritten Stock gelegene Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Peter G. kümmerte sich, er ging Einkaufen, machte alles, was seine Frau nicht mehr konnte. Ilona G. lehnte es ab, fremde Hilfe in die Wohnung zu lassen oder mit ihrem Mann gemeinsam in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Sie verwarf auch den Vorschlag, mit ihrem Mann ins Krankenhaus zu gehen.

Da sah Peter G. keinen anderen Ausweg mehr, als seine Frau zu töten. Vor dem Schlafengehen habe er sich einen Hammer bereitgelegt, sagte Herb. Als Ilona G. schlief, schlug er zu. Es sei nicht mit einem Schlag aus gewesen, so wie es sich der Angeklagte gedacht habe. Ilona G. erwachte, ihr Mann schlug immer heftiger zu. „Wenn das der Ausweg gewesen sein soll, wie schlecht muss es dem Angeklagten gegangen sein?“, fragte der Richter.

Die Kammer geht in ihrem Urteil davon aus, dass Peter G. zum Tatzeitpunkt körperlich gebrechlich war und sich in einer schweren depressiven Episode befand. Diese sei durch die Ereignisse im Krankenhaus verschärft worden. „Wir können daher eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausschließen“, sagte der Richter. Deswegen sei das Strafmaß für Mord erheblich gemindert worden. Sieben Jahre Haft seien angemessen.

Haftbefehl wird nicht aufgehoben

„Ich kann nicht sagen, ob es für Sie eine milde, harte oder lebenslange Strafe ist“, sagte Herb, an den Angeklagten gewandt. Aber damit habe Peter G. die theoretische Möglichkeit, die letzten Tage seines Lebens in Freiheit verbringen zu können. „Das, was Ihre Frau nicht mehr kann.“

Bis zum Haftantritt muss Peter G. weiterhin in Untersuchungshaft bleiben – er ist in einem Haftkrankenhaus untergebracht. Die Kammer hob den Haftbefehl nicht auf, weil sie eine Fluchtgefahr nicht vollständig ausschließen wollte. Man könne Peter G. nicht in die Wohnung zurücklassen, in der die Tat geschehen sei, sagte Herb. Es ist für die Richter nicht vorstellbar, dass der einstige Werkzeugmacher im selben Bett schläft, in dem er seine Frau tötete, dass er an den Ort zurückkehrt, an dem die Nachbarn wissen, was er getan hat. „Wir wissen, dass das Urteil für Sie einschneidend ist. Wir wissen, dass Sie unsere Haftentscheidung davon abhält, dass zu tun, was Sie nun am liebsten machen würden: zum Grab Ihrer Frau zu gehen und zu trauern“, sagte Herb.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Alexander Richter, Verteidiger von Peter G., sagte, die Entscheidung sei nicht unerwartbar, die rechtliche Würdigung durch die Kammer in Ordnung gewesen. Trotzdem wolle er mit seinem Mandanten noch über eine mögliche Revision reden.