Berlin - Gisela Rüter* hat schon lange kein Fleisch mehr gegessen. Debatten im Fernsehen über Massentierhaltung und den Preisverfall beim Schnitzel verfolgt sie einigermaßen ratlos. Denn sie findet überhaupt nicht, dass Fleisch in diesem Land zu billig verkauft wird. Im Gegenteil. „Das kann ich mir nicht leisten“, sagt sie.

Gisela Rüter ist 77 Jahre alt und wohnt in Prenzlauer Berg. Es gehe ihr eigentlich ganz gut, sagt sie, gesundheitlich jedenfalls. Ein bisschen grüner und grauer Star, Bronchitis, Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte – was man im Alter eben so hat. Sorgen machen ihr allein die Finanzen.

Nach 35 Berufsjahren bleibt fast nichts übrig

Gisela Rüter ist eine jener Seniorinnen in Berlin, die mit ihrem Geld einfach nicht auskommen. Nach 35 Berufsjahren ist ihre Rente so klein, dass sie auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Sie hat Anspruch auf Grundsicherung im Alter, wie das in der gesetzlichen Regelung für diesen Personenkreis heißt. Anspruch hat, wer über 65 Jahre alt ist und seinen Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen bestreiten kann.

Wenig Lohn, wenig Rente

Die monatliche Rentenzahlung beträgt bei Gisela Rüter nur 453 Euro. Sie ist in Thüringen aufgewachsen und hat dort auch eine Ausbildung zur Verkäuferin absolviert. Sie hat dann lange als Sachbearbeiterin in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet, darunter auch in der Charité. Dort war sie zum Beispiel für die Patientenaufnahme zuständig. Sie hat also die Daten der Hilfesuchenden aufgenommen. Die Rente ist so klein, weil sie auch schon wenig Lohn bekommen hat. 638 Euro waren es zuletzt im Monat. Neun Jahre war sie arbeitslos.

Gisela Rüter bekommt Geld deshalb jetzt vom Sozialamt. Sie erhält 404 Euro Grundsicherung. Miete und Betriebskosten für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung in Höhe von 380 Euro zahlt das Sozialamt. Strom, Versicherungen und Telefon zahlt sie selbst. Die Rente wird verrechnet. Danach bleiben ihr etwa 300 Euro für alles Übrige.

"Essen ist wirklich teuer"

„Ich rauche nicht, und ich trinke nicht, aber Essen ist wirklich teuer. Geld ist sehr knapp bei mir“, sagt sie. Sie muss bei jedem Cent überlegen, ob sie sich das leisten kann.

Die Sachbearbeiterin im Sozialamt habe sie mal zur Berliner Tafel geschickt, damit sie dort etwas kostenlos zu essen bekommt. Das war eine bittere Erfahrung. „Dort hieß es, Mütter mit Kindern kommen zuerst dran. Das verstehe ich ja, aber man fühlt sich einfach wie der letzte Mensch“, sagt sie. Gisela Rüter fand es beschämend.

Kürzlich ist ihr Kühlschrank ausgefallen. „Er kühlt nicht mehr. Ich hatte Puffer im Gefrierfach, die waren ganz weich“, sagt sie. 170 Euro für das billigste neue Gerät hat sie aber nicht. Eine Bekannte hat ihr geraten, sich an die Beratungsstelle der Caritas in der Dänenstraße zu wenden. Dort traf sie auf die Sozialarbeiterin Renate Stark. Sie berät Leute in allen schwierigen Lebenslagen: bei Problemen mit alten Eltern, wenn die Frau stirbt, wenn sich jemand schlecht fühlt. „In den letzten Jahren tauchen immer mehr Rentner bei mir auf“, sagt sie.

Es sind Leute, die in schlecht bezahlten Jobs gearbeitet haben wie Verkäufer und Putzfrauen. Andere haben nach der Wende den Job verloren oder sind krank und damit arbeitsunfähig geworden. „Das kann uns allen passieren, davor sind nur Beamte sicher“, sagt Renate Stark.

* Name geändert