Berlin - Von diesem Montag an trifft sich das Internet wieder in Kreuzberg. Zumindest wirkt es so, wenn die Digitalkonferenz Re:publica in der Station beginnt, wie das Areal des ehemaligen Dresdener Bahnhof heißt. Über hunderttausend Tweets wurden im vergangenen Jahr über die Konferenz abgesetzt; mehr als 20.000 werden wohl auch an diesem Montag wieder im Livestream zu sehen sein, wenn die Konferenz eröffnet wird. Was vor zehn Jahren als Bloggertreffen begann, ist inzwischen zu einer der größten Digitalkonferenzen der Welt geworden. Es ist eine Entwicklung, die auch widerspiegelt, wie sich die Digitalszene in der Stadt gewandelt hat.

Zusammen mit Andreas Gebhard, Johnny und Tanja Häusler hat Markus Beckedahl die Konferenz 2007 gegründet. Beckedahl bloggte schon damals auf Netzpolitik.org, der Website, die inzwischen zur wichtigsten netzpolitische Publikation in Deutschland avanciert ist. Auch Johnny und Tanja Häusler schrieben ein vielbeachtetes Blog: Spreeblick. „Wir waren die Quoten-Blogger“, sagt Beckedahl. „Wenn jemand einen Blogger brauchte, lud er Johnny oder mich ein.“ Das Problem war nur: Auf diesen Konferenzen ging es vor allem um neue Geschäftsmodelle. Beckedahl sagt: „Wir wollten dagegen eine Internetkonferenz, wo gesellschaftlichen Fragestellungen der Digitalisierung konstruktiv-kritisch diskutiert werden – mit anderen Netzbewohnern.“

Das Konzept schlug ein. Statt 350 Blogger kamen gleich mehr als 700 in die Kalkscheune in Mitte. „Es gab schon damals ein Bedürfnis, den Leuten, die man sonst im Netz trifft, auch mal physisch zu begegnen.“ Das Besondere an dem ersten Treffen: „Alle kannten sich irgendwie, zumindest hatte man schon mal voneinander im Netz gelesen.“

„Niemand hat mehr den Überblick“

Inzwischen kennt niemand mehr alle. Mehr als 7000 Teilnehmer kamen schon zur letzten Konferenz und in diesem Jahr wächst die Re:publica noch mal kräftig: 12.000 Quadratmeter mehr Fläche steht der Veranstaltung zur Verfügung, auch das alte Kühlhaus auf dem Gelände ist dazu gekommen. Auf 17 Bühnen wird nun gleichzeitig über all das diskutiert, was mit der Digitalisierung der Gesellschaft zusammenhängt. Mit über 850 Rednerinnen und Rednern gibt es inzwischen mehr Vortragende, als bei der ersten Re:publica Gäste waren.

Es ist eine Entwicklung, die auch den Boom der Digitalszene der Stadt widerspiegelt. „Alles ist viel größer, viel diversifizierter geworden,“ sagt Beckedahl. „Niemand hat mehr den Überblick über das, was alles stattfindet.“ Von einer Nische ist die Digitalszene zu einer der wichtigsten Branchen Berlins geworden – und dem bedeutendsten Motor für die Entwicklung der Stadt.

Ansgar Oberholz konnte die Entwicklung so gut beobachten wie kaum ein anderer. Das Sankt Oberholz, sein Café am Rosenthaler Platz, war von Anfang an Treffpunkt der digitalen Avantgarde. Der Grund: Oberholz bot nicht nur freies WLAN an. Das Arbeiten am Laptop war Teil des Café-Konzepts. Das zog genau die an, die auch zur Re:publica kamen.

Der Autor Sascha Lobo, der später zum inoffiziellen Kopf der Re:publica avancierte und auch am Montag zur besten Zeit seinen Vortrag hält, schrieb im Sankt Oberholz an dem Bestseller „Wir nennen es Arbeit,“ das die Blogger und Freelancer zur gesellschaftlichen Avantgarde, der digitalen Bohème, erklärte und das Oberholz zu ihrem „magischen Ort“. Am Vorabend der Konferenz fand hier für viele das inoffiziellen Vortreffen statt.

Es gibt eine Goldgräberstimmung

Der Hauptunterschied zu heute, sagt Ansgar Oberholz: Denen, die ihre Laptops im Café aufklappten, haftete damals noch der Geruch des Prekären an. „Wer als Freelancer oder Blogger arbeitete, machte das zwar nicht aus Not, aber es war oft mit einer unsicheren Lebenssituation verbunden, die für die Freiheit selbstbestimmt im Café zu arbeiten in Kauf genommen wurde.“ Heutzutage haben dagegen nicht nur die Freelancer eine ganz andere Auftragslage. „Heute sind es oft Start-up-Gründer, die hinter ihren Laptops sitzen. Selbst wenn sie scheitern sollten, können sie mit ihren Fähigkeiten in kürzester Zeit ein äußerst gut bezahlten Job bekommen. Die sind nicht prekär, sondern gut versorgt.“

Mit den neuen Gästen hat sich auch die Atmosphäre gewandelt. Eine regelrechte Goldgräberstimmung sei entstanden, sagt Oberholz. „Man denkt viel größer: Heute sagt man sich nicht mehr: Oh, ich könnte meinen Blog im Café schreiben. Heute denkt man: Oh, ich könnte meinen Blog skalieren, syndicaten und ein mächtiges Medien-Imperium aufbauen.“

Zu denen, die die Vernetzung fasziniert, sind die gekommen, die vor allem die Geschäftsmodelle faszinieren, die die digitale Vernetzung ermöglichen. Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, dass dieser Typus inzwischen Berlin dominiert. Doch Ansgar Oberholz sagt: „Das täuscht.“ Die Milliarden, die in die Start-ups der Stadt fließen, ließen es manchmal so wirken, als ob die Start-up-Branche die Digitalszene dominiere. „Aber nur auf den ersten Blick“, sagt Oberholz. „Darunter – und das unterscheidet Berlin von vielen anderen Standorten – ist es am Brodeln: Es gibt die Hacker-Kultur, die Maker-Bewegung, Blockchain-Aktivisten – und die Blogger. “

Es sind genau diese vielfältigen digitalen Szenen, die die Re:publica immer wieder zusammenbringt. Beckedahl sagt: „Der Erfolg der Re:publica ist gerade, dass wir einen Ort schaffen, auf dem die ganzen unterschiedlichen Communities miteinander in Gespräch kommen. Alle verbindet dabei die konstruktiv-kritische Faszination fürs Digitale, für die digitale Vernetzung.“

Es ist allerdings auch eine Vernetzung, die immer mehr von einzelnen Plattformen wie Facebook oder Google abhängt. Auch darum soll es bei der zehnten Re:publica gehen. Beckedahl hofft, dass die Konferenz dazu beiträgt, dass die Netzbewohner das Netz künftig nicht mehr nur bewohnen, sondern auch darum kämpfen, es zu gestalten.