Goldgräberstimmung herrscht seit einigen Wochen in der Stadt. Mit Zalando und Rocket Internet haben zwei junge Unternehmen aus Berlin den Sprung an die Börse geschafft. Schon ist die Rede vom neuen Silicon Valley, Europas Zentrum für die IT- und High-Tech-Industrie könnte demnach die deutsche Hauptstadt werden. Andreas Gebhard, Unternehmer in der digitalen Welt und der Kreativwirtschaft, ist da skeptisch.

Herr Gebhard, Sie beurteilen die Entwicklung der Berliner Start-up-Szene kritisch trotz der jüngsten Börsengänge. Was stört Sie?

Keine Frage, Start-ups sind tolle Impulsgeber. Es kommen immer mehr Talente und Geld in die Stadt, was erst mal gut ist. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

Und die andere?

Knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung in Berlin basiert auf der Kreativszene. Diese Szene muss differenziert betrachtet werden. Die Branche braucht einen breiten Finanzierungsmix insbesondere für nachhaltige Geschäftsmodelle. Wenn man sich nur auf die Start-up-Finanzierung fokussiert, befürchte ich, dass dies nur ein Strohfeuer ist. Viele Leute investieren doch zurzeit in Berlin, nur weil die Stadt angesagt ist. Sie könnten das auch anderswo tun.

Aber für die größte Aufmerksamkeit sorgen in der Öffentlichkeit zurzeit die Start-up-Unternehmen.

Noch mal, es geht nicht darum, die Start-ups zu verteufeln. Aus meiner Sicht geht es um Ausgewogenheit, es geht um die generelle Unternehmenskultur dieser Stadt. Und da ist die Start-up-Kultur überpräsent zurzeit. Ich bin skeptisch, wenn die wirtschaftliche Entwicklung einer Branche wie die der Kreativwirtschaft auf ein einziges Wachstums- und Finanzierungsmodell beschränkt ist.

Warum sollte die Start-up-Kultur nicht prägend sein?

Weil sie nicht wirklich viel mit Berlin zu tun hat. Es gibt die Mechanismen des schnellen Wachstums, das verbunden ist mit dem Geld, das von großen Investment-Fonds von außen kommt. Es ist also ein Trugbild, wenn man von Berliner Unternehmen spricht. Richtig ist nur, dass sie in Berlin ansässig sind. Gehören tun diese schnell anderen.

Immerhin bauen sie hier Ihre Firmen auf.

Aber sie bleiben nur so lange, bis das Umfeld nicht mehr stimmt. In zwei Jahren kann es schon einen neuen Tech-Hub geben, wo alle hin wollen. Barcelona vielleicht, oder wo es sonst noch schön warm ist, keine Ahnung. Wenn uns die Berliner Kreativwirtschaft am Herzen liegt, muss langfristig und lokal gedacht werden.

Die Start-ups geraten auch wegen der Arbeitsbedingungen immer wieder in die Kritik.

Da Berlin ja gerade so angesagt ist, nehmen es viele Leute in Kauf, zu ungünstigen Konditionen angestellt zu werden. Ihnen ist es wichtig, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Das gilt sowohl für die Ausbildung, wenn Betriebe überhaupt ausbilden, als auch später nach der Übernahme. Der Druck ist oft so groß, dass die Angestellten 40, 50 oder sogar 60 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Und dann gibt es auch noch die unbezahlten Praktika. Die Firmen wissen, dass viele Leute diese Angebote mit Kusshand akzeptieren, um hier erstmal anzulanden.