Es ist der Nachmittag des zweiten Tages auf der re:publica, als Luisa Neubauer noch einmal erklären soll, warum sie Proteste gegen den Klimawandel organisiert. So steht es zumindest im Programm der größten Internetkonferenz Europas. Aber Neubauer hat sich etwas anderes vorgenommen, sie will vor allem darüber sprechen, wie sie und all die anderen Schüler und Studenten die Fridays for Future organisieren; wie sie es also schaffen, jede Woche Zehntausende junge Menschen dazu zu bringen, die Schule zu schwänzen, die Vorlesungen ausfallen zu lassen und auf die Straße zu gehen; wie sie das hinbekommen, seit zwanzig Wochen; wie sie 400 Ortsgruppen koordinieren, basisdemokratisch entscheiden, was ihre Forderungen sind, in WhatsApp-Gruppen, auf Twitter, Instagram und in Telefonkonferenzen ihre nächsten Aktionen planen.

Auch die Fridays for Future Bewegung ist vertreten- durch Luisa Neubauer

Im Moment laufen die Vorbereitungen für den 24. Mai, das ist der Freitag vor der Europawahl. Schüler in 100 Ländern wollen dann gleichzeitig streiken. Aus dem stillen Protest der Schwedin Greta Thunberg, die sich im August 2018 zum ersten Mal mit ihrem Pappschild, auf dem „Schulstreik fürs Klima“ steht, vor das Parlament in Stockholm setzte, ist eine weltweite Jugendbewegung geworden.

Und Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, Studentin aus Göttingen, ist das Gesicht dieser Bewegung in Deutschland. Auch das steht im Programm der re:publica. Man hat Luisa Neubauer in letzter Zeit oft im Fernsehen gesehen, am Freitag war sie in der Tagesschau, sie hatte eine Rede auf der Aktionärsversammlung des Energiekonzerns RWE gehalten, am Ende konnte sie nicht weiterreden, es kam zu Tumulten im Saal. Dabei hatte Neubauer nur gesagt, dass die Aktionäre ihre Verantwortung verkaufen und ihr Geld auf Kosten der Menschheit machen. Nun wirklich nichts Neues – aus ihrer Sicht.

Und jetzt steht sie also hier vor einem Publikum, das ihr um einiges freundlicher gesonnen ist. An ihrer Seite ist ihr Mitstreiter Jakob Blasel. 200 Leute hören den beiden zu. Und dass sie überhaupt hier sind, ist für sich schon bemerkenswert.

Auf der Tincon sollen Jung und Alt ins Gespräch kommen

Der Auftritt ist Teil der Jugendkonferenz Tincon, die 2016 von den re:publica-Mitgründern Tanja und Johnny Haeusler ins Leben gerufen wurde und jetzt zum ersten Mal im Rahmen der re:publica stattfindet, zeitgleich also und am gleichen Ort, der Station am Gleisdreieck.

Auf der Tincon gibt es Hacker-Workshops, Talks mit bekannten YouTubern, Infos zum Berufseinstieg. Und Bildungsministerin Franziska Giffey, deren Ministerium einer der Hauptförderer der Tincon ist, beantwortet die Fragen von Jugendlichen. 1500 junge Menschen haben sich für die Messe angemeldet. „Wir wollen, dass Jugendliche mehr gesehen werden“, sagt Tanja Haeusler bei der Eröffnung am Montag. Also gibt es auf der Tincon zwar einen Bereich, zu dem nur Jugendliche unter 21 Jahren Zutritt haben, aber auch diese Bühne, auf der Luisa Neubauer jetzt unter dem grimmigen Konterfei einer übergroßen, winkenden Grumpy Cat steht. Die Tincon ist für alle Besucher der re:publica offen. Zwischen Bällebad und Daddelautomaten, auf denen man Pacman spielen kann, sollen Jung und Alt ins Gespräch kommen, das ist die Idee. Und die Frage ist, wer mehr von diesem Austausch haben wird.

Die re:publica scheint in die Jahre gekommen

Am Montag saß Neubauer bereits in einer Diskussionsrunde auf einer kleinen Bühne in der hintersten Ecke der großen Halle, in der die Hauptkonferenz stattfindet. Auf dem Weg dorthin haben Dutzende Organisationen Infostände aufgebaut: das Bundesland Thüringen, der Buchhändler Dussmann, die Hans-Böckler-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, der Reiseveranstalter Tui, der Autohersteller Porsche, der übrigens Hauptpartner der re:publica in diesem Jahr ist – alles alte Organisationen und Unternehmen, die hier versuchen, den Besuchern mit Virtual-Reality-Brillen einen neuen Blick auf sich zu verschaffen. Dazwischen Besucher mit Sneakern und markanten Brillen, die eher jung geblieben als wirklich jung sind. Manche haben Kinder dabei.

Es sieht ein bisschen so aus, als sei die re:publica in ihrer dreizehnten Ausgabe in die Jahre gekommen. Sie ist jetzt eher Ü30 als Mitte zwanzig. Das etwas sperrige Motto in diesem Jahr, „tl;dr“, steht für „too long; didn’t read“, was auf die Nutzungsbedingungen im Internet anspielt, die meistens so lang sind, dass sie kein Mensch liest. Laut re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl ist es auch ein Tocotronic-Zitat. Tocotronic! Als die Band so schön ironisch sang, sie wolle Teil einer Jugendbewegung sein, war Luisa Neubauer noch nicht mal geboren.

Die Bühne der re:publica gehört den Alten - nicht den Fridays for Future-Aktivisten

Ein paar Minuten vor ihrem Auftritt am Montag sitzt sie an einem Cafétisch neben dem Eingang zur Bühne, es war nicht schwer, sich mit ihr zu treffen, ein paar WhatsApp-Nachrichten, sie schreibt schnell zurück und ohne Umschweife, auf Fragen antwortet sie mit einer Effizienz, die keinen Platz lässt für Geplänkel. Also gut, Frage: Was bringt es ihr, hier zu sein und den Erwachsenen die Fridays for Future zu erklären? Antwort: „Es ist wichtig für uns, da zu sein, wo die Mitte der Gesellschaft sich trifft. Wir können nicht alleine das Klima retten, dazu braucht es einen gesamtgesellschaftlichen Willen. Auf der re:publica sind die Menschen, die als Mitte der Gesellschaft identifiziert werden, das sind die, die aus Sicht der Politik im Weg stehen, genau die brauchen wir also. Es geht hier nicht um die Utopien junger Träumer.“

Sie filmt noch ein kurzes Video für ihre 29.500 Follower auf Instagram. Als sie dann auf der Bühne Platz nimmt, schießen in der ersten Reihe Fotografen Bilder von ihr mit riesigen Teleobjektiven, neben Luisa Neubauer sitzen eine Neuköllner Mietaktivistin und der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger. Krüger hat vor genau dreißig Jahren zusammen mit Kunststudenten, Punks und Christen die Wahlfälschungen in der DDR aufgedeckt. Man fragt sich kurz, was sich die drei zu sagen haben könnten. Es wird tatsächlich ein interessantes Gespräch, was auch daran liegt, dass Luisa Neubauer zuhört und nachdenkt, bevor sie auf eine Frage antwortet, sie kneift dabei die Augen zusammen. Sie sagt auch lieber: „Ich verstehe die Frage nicht“, statt – beliebte Talkshow-Taktik – irgendetwas unterzubringen, was sie sich vorher zurechtgelegt hat. Sie ist ein Profi, ohne das Abgeschmackte, das Professionalität oft anhaftet. Sie ist lustig und lächelt viel. Nur an einem Punkt des Gesprächs wird sie plötzlich sehr ernst, als sie gefragt wird, warum die Europawahl so entscheidend ist, sie spricht dann von „Kipppunkten“ und „Pfadabhängigkeit“, erklärt, dass der Klimawandel exponentiell abläuft, wie ein Topf, in dem die Milch überkocht. Irgendwann ist es einfach zu spät. Und dieser Zeitpunkt sei nicht mehr weit weg. „Das ist das letzte Europaparlament, das noch was beim Klima reißen kann“, sagt sie – und klingt schon wieder wie die Jugend, die sie hier verkörpern soll.

Es sind vielleicht hundert Konferenzteilnehmer, die zuhören. Hundert von 20.000. Die re:publica, das ist der Eindruck, hat ihre Türen allenfalls einen Spalt weit aufgemacht, um die junge Generation hineinzulassen. Warum eigentlich? Für Luisa Neubauer und die Fridays for Future hätte es auch die ganz große Bühne sein können, sein müssen, wenn man sie und ihr Anliegen wirklich ernst nimmt. Doch die große Bühne gehört den Alten. Bundespräsident Steinmeier hält dort die Eröffnungsrede, die EU-Kommissarin Margrethe Vestager tritt auf, der Autor und Netzaktivist Cory Doctorow und am ersten Abend der Blogger Sascha Lobo.

Fridays for Future hätte bei der re:publica auf die Bühne gehört

Lobos „Rede zur Lage der Nation“ hat Tradition auf der re:publica, jedes Jahr macht er eine Art Bestandsaufnahme der digitalen Gesellschaft. In diesem Jahr ist Lobo 44 Jahre alt, deutsches Durchschnittsalter, fast doppelt so alt wie Luisa Neubauer. Und was er zu sagen hat, liefert dann so etwas wie den theoretischen Überbau für die Fridays-for-Future-Proteste, Lobo redet vom „Klimakollaps“ und von der „Plastikpanik“, die viel zu spät komme, und das, obwohl schon seit Jahrzehnten bekannt sei, dass Müll und Erderwärmung in Zukunft zum Problem werden, zum vielleicht größten Problem, das die Menschen jemals haben werden.

Der Vortrag ist garniert mit lustigen Tweets, er hat genau die richtige Temperatur für den durchschnittlichen re:publica-Besucher: Er bestätigt, was man sowieso schon weiß (die Politik hat’s vermasselt und der Kapitalismus ist schuld), setzt wohldosiert Aha-Momente (Ruanda hat Plastiktüten schon 2008 abgeschafft), rüttelt ein bisschen auf, beruhigt das eigene schlechte Gewissen wegen des letzten Langstreckenfluges, denn die Verlagerung der Debatte ins Private lenke ja nur von der Verantwortung der Politik ab. Und ganz nebenbei wirbt Lobo noch für sein neues Buch, das „Realitätsschock“ heißt und so etwas wie dieser Vortrag in Langform ist – also allenfalls ein Denkanstoß.

Dabei müsste es eigentlich ums Handeln gehen, das ist die Botschaft von Luisa Neubauer und ihren Mitstreitern, und das fordert sogar Lobo, der seinen Vortrag selbstverständlich mit einem Tweet von Greta Thunberg beendet: „Activism works. So act.“ Wie Aktivismus funktioniert und wie man handelt, das ist es, was auf die große Bühne der re:publica gehört hätte in diesem Jahr, das also, was die Schüler jeden Freitag vorführen.

„Es geht wirklich um alles“ - Luisa Neubauer auf der Tincon

Einer, den sie schon auf ihrer Seite haben, nicht nur theoretisch, sondern tatsächlich handelnd, ist Gregor Hagedorn. Er ist noch viel älter als Sascha Lobo, 53, Biologe und Informatiker, er forscht am Museum für Naturkunde über Biodiversität. Am Montagmorgen ist Hagedorn noch nicht auf der re:publica, sein Auftritt kommt erst nach dem von Luisa Neubauer am Dienstag, er will dann erklären, warum die Fridays-for-Future-Aktivisten recht haben, aus wissenschaftlicher Perspektive. So wie er es schon öffentlich getan hat. Hagedorn hat die „Scientists for Future“ gegründet, eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich im März mit mehr als 26.000 Unterschriften von Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hinter die Schüler gestellt haben.

Hagedorn sitzt in einem Café am Potsdamer Platz, ein großer Mann in Karohemd und Sakko, vor sich ein Becher Kakao. „Die Jugendlichen müssen selbst für ihre Rechte kämpfen“, sagt er, „so unfair das ist.“ Er ist Wissenschaftler, weder will er also der älteren Generation eine Standpauke halten, noch eine Motivationsrede für die jüngere. Er sieht sich eher als Autorität, die sich zu Wort meldet, weil er das, was die Fridays for Future mit Inbrunst herausschreien, mit Fakten unterfüttern kann. Es ist ein Allianzangebot, das die Schüler angenommen haben, ein Zeichen, dass sie nicht alleine sind in ihrem Kampf für eine Zukunft, die die Alten, die die Verantwortung tragen, nicht mehr erleben müssen.

„Es geht wirklich um alles“, sagt Luisa Neubauer am Ende ihres Vortrags auf der Tincon. Und als eine Frau aus dem Publikum fragt, wie es denn weitergeht mit ihrer Bewegung, seufzt Neubauer: „Wenn alle, die uns das in den letzten Monaten gefragt haben, dieselbe Frage den Politikern gestellt hätten, hätten wir die fruchtbare Debatte, die wir brauchen.“ Die junge Generation ist bereit, für ihre Rechte zu kämpfen. Sie kann noch Unterstützung gebrauchen.