Mehr als 8000 Besucher aus 60 Ländern - die Digitalkonferenz Re:publica hat in diesem Jahr einen neuen Rekord erreicht. Aber wie geht es nach der zehnten Veranstaltung weiter? Ein Gespräch mit Geschäftsführer Andreas Gebhard und Mitbegründer Markus Beckedahl.

Die überraschende Nachricht in diesem Jahr war die Ankündigung,  dass es einen Ableger der Re:publica im Oktober in Irland geben wird. Wer ist eigentlich auf so eine Idee gekommen?

Gebhard: Wir wollten mal was ausprobieren nach zehn Jahren in Berlin. Und da passte Dublin, denn die Stadt ist nicht weit entfernt, die Kosten für das Projekt sind nicht so hoch. Das ist die rationale Erklärung. Und die emotionale: Wir hatten uns so eine Klassenfahrt ins Ausland schon seit vielen Jahren vorgenommen, aber nicht zugetraut. Jetzt sind wir bereit für den Test, ob die Plattform Re:publica auch in anderen Ländern trägt. Deshalb geht es an einem Tag im Oktober nach Irland. Wir werden dort mit Digital Biscuit kooperieren, das ist ein Film- und Technologie-Festival.

Die Fashion-Week hatte auch einmal große Expansionspläne, ging von Berlin nach Barcelona und hat darunter gelitten. Haben Sie keine Angst, sich zu verzetteln?

Gebhard: Das Risiko ist limitiert. Wir glauben, das unsere Inhalte stark genug sind. Außerdem werden wir Berlin ja nicht verlassen. Die nächste Re:publica findet ab dem 8. Mai 2017 statt.

Schon in diesem Jahr gab es Kritik, die Re:publica sei beliebig geworden. Viele haben nicht verstanden, warum ein Chef von Bild dabei war oder EU-Kommissar Günther Oettinger.

Beckedahl: Wir versuchen, möglichst viele verschiedene Facetten einer sich entwickelnden digitalen Gesellschaft abzubilden, um einen Raum für Discours und Debatten zu geben. Und wir wollen diese Debatten mit vielen Akteuren unserer Gesellschaft führen. Wir wollen alle einladen.

Gebhard: Alle, die für eine offene Gesellschaft stehen.

Das waren an drei Tagen mehr als 8000 Menschen.  Einige Veranstaltungen waren so stark besucht, dass die Säle geschlossen werden mussten. Ist die Grenze erreicht?

Gebhard: Es war dolle voll, wir waren am Limit, der Montag war komplett ausverkauft. Dabei hatten wir ja schon vorgesorgt, indem wir die Fläche in diesem Jahr um 10.000 Quadratmeter erweitert hatten. Aber mehr geht nicht. Die Besucherzahlen zeigen aber auch, dass unsere inhaltlichen Neuerungen funktioniert haben. Nehmen wir nur das Laboratory, wo wie die Bereiche Kunst, Musik und Mode mit Virtual Reality zusammengebracht haben. 

Beckedahl: Auch in der alten Location mussten wir in der Vergangenheit sagen, dass es ausverkauft war. Das ist halt so, am besten frühzeitig Karten kaufen.

Gebhard: Vorsicht, jetzt kommt eine Politiker-Antwort: Wir werden das in aller Ruhe auswerten und uns dann Gedanken über die Konzeption fürs nächste Jahr machen.

Und die Technik funktioniert dann auch besser? Die schlappe WLAN-Verbindung hat viele genervt.

Gebhard: Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Wir haben in diesem Jahr eine neue Hardware verwendet, die für so viele Leute vorher nicht getestet werden konnte. Aber es geht bei der Re:publica ja auch darum, Leute zu treffen und Talks besuchen ...

... Re:publica ist also, wenn man keine Verbindung ins Netz braucht ...

Gebhard: ... die Sache mit der Technik ist immer eine Herausforderung. Es tut uns leid, wenn esmal nicht richtig geklappt hat.

Herr Beckedahl, in Ihrer Rede am ersten Tag ging es auch um Technik und um den Standort Berlin. Sie erinnerten an freies WLAN in der Hauptstadt. Wann wird das endlich kommen? 

Beckedahl: Wenn man den Chef der Staatskanzlei Björn Böhning hört, dann gibt es Anlass zur Hoffnung. Aber Versprechen hören wir schon seit zehn Jahren. Wann und in welchem Umfang WLAN bereit gestellt wird, ist noch immer unklar.

In anderen Metropolen ist das längst Standard.

Beckedahl: In Berlin haben es bisher nur die Freifunker geschafft, der Öffentlichkeit durch ehrenamtliches Engagement den freien Zugang zum Netz zu ermöglichen. Und hätten wir die Störerhaftung in Deutschland nicht, ...

 ... die ein Risiko bedeutet für jemanden, der sein Netz mit Nachbarn teilt. 

Beckedahl: Das ist absurd. Ich kenne kein Land, dass sich so eine Regelung leistet. In den vergangenen Tagen soll Frau Merkel ja ein Machtwort gesprochen haben, damit das Problem endlich gelöst wird.

Das Thema ist ja nicht neu. Wie man generell den Eindruck hatte in diesem Jahr, eine revolutionäre Idee war nicht dabei.

Beckedahl: Das liegt vor allem daran, dass wir schon auf der ersten Re:publica Themen diskutiert haben, die erst viel später, teilweise erst jetzt, in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen sind. Inzwischen sind ganz neue Akteure dabei, die die Debatten führen, die wir immer eingefordert haben. Das ist einerseits schön, bedeutet aber auch: Viele Probleme sind noch immer ungelöst.

Sascha Lobo, der als Vordenker gilt, sprach von „The Age of Trotzdem“. Er vermittelte den Eindruck, dass eine neue Generation dazukommt, die für eine stärkere Diversifizierung sorgt. 

Beckedahl: Bei der ersten Re:publica kamen Leute zusammen, die noch in der analogen Welt mit drei Fernsehprogrammen aufgewachsen sind. Und jetzt haben wir eine nachwachsende Generation, für die das Internet schon immer da war. Und dann haben wir viele ältere Menschen, die durch ihr Smartphone den Zugang zum Internet gefunden haben. Das muss man alles berücksichtigen.

Ist die nachwachsende Generation unpolitischer?

Beckedahl: Die jungen Leute  wachsen in einer Zeit auf, in der die Politik als alternativlos bezeichnet wird. Das spielt eine Rolle. Wenn es dann aber um Themen wie Datenschutz geht, habe ich nicht den Eindruck, dass sie unpolitischer sind. Umfragen bestätigen das auch. Jugendliche gehen vielleicht pragmatischer  mit den Themen um. Der Erfolg von Snapchat ist ein Beispiel dafür. Eltern haben zu ihren Kindern immer gesagt: „Passt auf, was ihr ins Netz stellt. Indiskrete Posts oder Fotos könnten bei einer Bewerbung bemerkt und gegen euch verwendet werden.“ Und jetzt gibt es den Messenger-Dienst Snapchat, bei dem die Informationen nach 24 Stunden verschwinden. Problem gelöst. Obwohl natürlich noch nicht geklärt ist, ob die Informationen auch beim Anbieter gelöscht werden.

Was bedeuten verschiedene Altersgruppen für die Konferenz?

Gebhard: Wir haben schon jetzt einen Querschnitt. Der jüngste Sprecher war elf, der älteste 74 Jahre alt - da sind wir gut am Start.

Zum Abschluss: Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte?

Gebhard: Ich konnte nahezu keine Session sehen, ich habe dafür leider keine Ruhe - deshalb freue mich auf unser Video-Archiv.

Beckedahl: Das waren ganz viele Sachen. Zuletzt ging es in einem Vortrag um Gesichtserkennung, da bin ich kurz stehen geblieben. Den werde ich mir später in Ruhe ansehen.

Wir sprachen über Dublin und Expansion am Anfang. Die Re:publica hat auch immer einen starken Bezug zu Afrika. Wäre es nicht gut, dahinzugehen?

Gebhard: Vorstellbar ist viel.

Klingt wieder wie eine Politiker-Antwort. 

Gebhard: Okay, es gibt Anfragen aus anderen Ländern und von anderen Kontinenten. Wir prüfen das.

Das Interview führten Christine Dankbar und Jörg Hunke