Auch in der Gastronomie gibt es Moden. In einigen Restaurants ist beispielsweise die Möhre auf dem Teller der Garnele ebenbürtig, in anderen wird Bier mit demselben Tamtam verkostet wie früher Wein, und auch die Sharing-Manie, also mehrere kleinere Gerichte zu teilen, ist schwer angesagt.

Das Bricole, eine hübsch gestaltete Weinbar mit ambitionierter Speisekarte in Prenzlauer Berg, hat sich nun die Abschaffung des Hauptgangs zur Aufgabe gemacht. Angeblich nämlich wurde die Festlegung einer korrekten Speisefolge erst vor 150 Jahren eingeführt – in Paris, von einem Russen.

Ziegenkäse im Pumpernickelmantel, Ochsenschwanzragout auf Serviettenknödel und Steinpilzravioli in geräucherter Sellerieessenz – das alles steht also auf der Karte des Bricole gleichberechtigt nebeneinander. Es kann auf kleinen Portionstellern allein oder geteilt, gleichzeitig oder nacheinander gegessen werden. So wie alle Menschen gleichrangig sind, sollen es auch die Speisen sein, heißt es im Bricole. Politisch korrektes Dining sozusagen. Warum nicht? Entscheidungsschwach wie ich bin, kann ich also den pochierten Heilbutt, die gegrillte Entenbrust, das Ochsenschwanzragout und den Ziegenkäse bestellen. Und zwar alles gleichzeitig.

Politisch korrektes Dining im Bricole

Rund 10 Euro kostet jeder Teller. Jetzt weiß ich, dass drei Teller auch gereicht hätten, denn die Portionen sind zwar kleiner als bei einem Hauptgericht, aber nicht winzig. Allerdings wüsste ich nicht, worauf ich hätte verzichten wollen. Handwerklich am unelegantesten war vielleicht der Ziegenkäse, der im Pumpernickelmantel mit gebrannten Körnern gewälzt wurde, die nicht knusprig, sondern etwas weich und kauig geworden waren. Doch die hauchzarten Wildkräuter, die süßlich-erdige Rote-Bete-Sauce sowie das Zitronen-Gurken-Gel dazu waren so perfekt wie die anderen Teller.

Seitdem das Bricole Anfang des Jahres aufgemacht hat, steht es auf meiner immer weiter anwachsenden Liste von Restaurants, die ich besuchen will. Zum Glück hatte mich der Brief einer Leserin kürzlich wieder daran erinnert. Sie schrieb, dass sie und ihr Mann seit mehr als 20 Jahren in Prenzlauer Berg wohnen und sie mir dieses Restaurant in ihrer Straße ans Herz legen wollen.

Teilen ist angesagt

Der Donnerstagabend, an dem ich hinging, war leider etwas mau besucht. Ausnahmsweise muss ich mich daher selbst zitieren: „In einem kulinarisch weniger überbespielten Bezirk hätte sich ein Laden wie dieser schnell herumgesprochen. In Prenzlauer Berg geht er unter. Sehr zu Unrecht.“

Genau diese Zeilen habe ich schon einmal geschrieben – über das Restaurant Schatz in der Bötzowstraße, in dem der jetzige Küchenchef des Bricole, Steven Zeidler, vorher gekocht hat.

Das Schatz ist mittlerweile geschlossen. Umso schöner, dass die Handschrift Zeidlers auch im Bricole erkennbar ist. Seine Kreationen sind weiterhin modern deutsch-französisch, überzeugen ohne Chichi. So schmeckt das Ochsenschwanzragout so herzhaft, wie es sein muss, angerichtet hat er es auf einer angerösteten Scheibe Serviettenknödel mit eingearbeitetem Speck, wozu er blanchierte Favabohnen, Crème fraîche und gemahlene Kakaobohnen serviert. Nicht unnötig viele Elemente und Aromen hat auch der pochierte Heilbutt auf Wirsing mit Steckrüben und einem buttrigen Morchelschaum, der als Geschmacksträger ganz wunderbar funktioniert. Es ist ein Gericht zum Weglöffeln. Crunchig wird es durch ein paar Blätter frittierten Wirsings, knackig durch fast rohe Steckrübchen und etwas gehobelten und süß-säuerlich fermentierten Wirsing am Tellergrund.

Meine Kritik übers Schatz schloss ich mit der Befürchtung, dass sich das Restaurant in Prenzlauer Berg womöglich nicht halten wird. Das Bricole verdient dieses Schicksal wahrlich nicht.

Bricole - Bar Hors d'oeuvre, Senefelder Str. 30, Prenzlauer Berg, Dienstag bis Samstag ab 18 Uhr, Telefon: 84 42 13 62