Über Politik kann man wunderbar streiten. Überall auf der Welt. Mein spanischer Mann aber sagt, dass Streit so ziemlich die einzige Disziplin sei, in der Spanien noch immer eine Weltmacht sei. Spanier streiten über alles. Sehr ernst derzeit über die Frage, was aus Katalonien und seiner Unabhängigkeit wird. Deutlich ernster aber darüber, wer in Spanien die beste Küche hat.

Für mich ist die Frage ganz einfach zu beantworten. Die beste spanische Küche ist die katalanische – jedenfalls in Berlin. Seit knapp einem Jahr gibt es in der Kollwitzstraße ein sehr kleines katalanisches Restaurant mit dem Namen D.O. Die Besitzerin Margarida Suqué stammt aus Barcelona, und ihr Konzept ist eine simple katalanische Alltagsküche.

D.O. ist kein Kunstname, sondern Programm, weil es die Kurzform für „Denominación de Origen“ ist, eine geschützte Herkunftsbezeichnung für spanische Qualitätsprodukte wie Käse, Schinken und Wein. Der Can Feixes Blanc Tradició ist aus Penedès, der bedeutendsten Weinregion Katalonies: ein fruchtiger, voller Weißwein, im Holzfass gereift, den es hier offen gibt. Dazu habe ich Croquetas bestellt: Spanien-Experten sagen, die perfekte Croqueta müsse klein, aber nicht zu klein sein, genug, um in zwei Bissen gegessen zu werden. Die Béchamel muss leicht und glatt sein, innen feucht und cremig, die Paniermehl-Kruste aber knusprig golden.

Der Schinken schmilzt auf der Zunge

Ich kann nur sagen: Genau so sind sie hier; meine Lieblingskroketten sind mit einer Schinken-Porée-Béchamel gefüllt. Margarida Suqué ist nicht nur eine talentierte Köchin, sondern weiß auch, wo hervorragende Bezugsquellen zu finden sind: Die Anchovis etwa, die ich ebenfalls als Vorspeise esse, kommen aus L’Escala. Das ist ein winziger Küstenort in der Provinz Girona, den wohl keiner kennen würde, gäbe es dort nicht die besten Sardellen Spaniens. Die filetierten, in Meersalz fermentierten Anchovis (katalanisch: Anxoves), die bis zu zwei Jahre reifen, haben einen hohen Salzgehalt, ohne dass sie kratzig wirken. Die Köchin serviert sie auf „escalivada“-Art: Sie werden auf einem gerösteten Weißbrot angerichtet, das zudem mit gegrillter und in Olivenöl eingelegter Paprika, Aubergine und Zwiebeln belegt ist. Das schmeckt göttlich, ebenso wie der luftgetrocknete Eichelmast-Schinken.

Denn zum Glück nimmt die katalanische Köchin ihren Nationalstolz nicht zu ernst. Der Schinken beispielsweise, der mit seiner öligen Konsistenz auf der Zunge schmilzt und mehr nach Nuss als nach Schwein schmeckt, kommt aus Andalusien, aus dem Dorf Jabugo. Dort dürfen das ganze Jahr über reinrassige Ibérico-Schweine frei herumlaufen und in der Mastzeit Eicheln fressen, die sie in den Stein- und Korkeichenwäldern finden.

Nach all den Tapas bin ich ziemlich satt, sodass ich mein Arroz al forn – Reis aus dem Ofen – leider nicht aufessen kann: Geröstete Scheiben von Chorizo, Blutwurst, Schweinebauch, Kartoffel und Tomate ergänzen sich optisch in einem Keramiktöpfchen zu einem Mosaik. Sticht man durch, ist der Reis darunter heiß, saftig und aromatisch, weil er langsam in einer selbst gemachten Brühe geköchelt ist.

Sollen die Spanier streiten, wer die beste Küche des Landes hat, hier in Berlin wäre die Sache geklärt.

D.O. Kollwitzstr. 88, geöffnet tägl. 17–1 Uhr, Tel.: 5210-3950