Ich habe lange überlegt, wie ich begründe, dass ich im Joynes war. Das Restaurant ist etwas über ein Jahr alt, Neueröffnung kann ich also schlecht als Anlass für meine Kritik schreiben. Für den ersten Geburtstag ist es auch zu spät. Einen Stern oder einen Bib Gourmand, den das Joynes durchaus verdient hätte, hat das Restaurant auch nicht verliehen bekommen.

Und auch mit einer Wahnsinnsbiografie – nach dem Motto „Der Koch war früher straffällig oder ist mit einem Dreirad bis nach Indien gefahren und nun ein total erfolgreicher In-Gastronom“ – kann der Küchenchef Anthony Joynes nicht dienen.

Von Neuseeland nach Berlin

Vielmehr ist es eine ziemlich unspektakuläre Geschichte: Anthony Joynes hat sich von Neuseeland nach Berlin aufgemacht, weil er gehört hatte, dass die Stadt cool ist. Dann hat er als Küchenchef in der fantastischen Brasserie Lamazère am Stuttgarter Platz gezeigt, was er kann.

Der wahre Grund für meinen Besuch ist also: Ich hatte einfach Lust auf eine gute französische Küche – und zwar von der deftig-kräftigen, unkomplizierten Sorte. Gelegentlich, glaube ich, muss das reichen, um ein Restaurant zu besprechen.

Die Karte im Joynes ist übersichtlich: vier Vorspeisen, fünf Hauptgänge, drei Desserts und Käse von Maître Philippe – nicht viel, aber mehr als ausreichend. Neben Brot mit geschlagener Salzbutter kommt aus der Küche ein kleiner Gruß zum Aufwärmen, weil es draußen nasskalt ist und man hier am westlichen Ende der Mommsenstraße ewig nach einem Parkplatz gesucht hat.

Im Trinkschälchen ist Kürbissuppe, schön heiß, aber etwas langweilig, denke ich – bis ich den ersten Schluck nehme. Der Hokkaido ist fein passiert, hat wunderbar karamellige Zwiebelröstaromen, durchbrochen von feinen Orangennoten, hauchdünner Parmesan schmilzt darüber.

Am Suppengrund hat der Koch noch für eine kleine Überraschung gesorgt: einen mit Sepia gefärbten Tortellino, schön weich, mit einer bissfesten Garnele und Zitronenzeste gefüllt. Toll, mit welch begrenzten Elementen Joynes ein Maximum an Geschmack rausholt.

Großzügige Trüffel-Portion

Ähnlich simpel aufgebaut ist meine Vorspeise: eine Bouchée gefüllt mit Pilzen und Ei. Joynes stiehlt den natürlichen Aromen wieder nicht die Show durch angestrengte Kochkunst-Pirouetten. Etwas Knollensellerie ist als extra feines, leicht gesäuertes Püree angerichtet, darauf – wie bei der Königinpastete – ein Blätterteigförmchen gefüllt mit angeschwitzten Pfifferlingen und anderen Waldpilzen, Crème fraîche und einem fast rohen Eigelb.

Luxuriöses i-Tüpfelchen für diese Köstlichkeit ist der Trüffel. Da er im Winter von Natur aus ärmer an Aromen ist, hat Joynes die Hobel großzügig bemessen. Dann serviert Joynes Lebensgefährtin und Gastgeberin Lucia mein Hauptgericht: ein Confit de Canard, entbeinte Entenkeule also, eingemacht in feinstem Entenfett.

In Frankreich gibt es das in jedem Supermarkt. Bei Joynes kommt es nicht aus der Konserve, auch wenn das Entenfleisch optisch als runder Taler angerichtet ist. Der wurde in einer feuerfesten Form gratiniert, sodass er eine süßliche Kruste hat, die mit dem Quittengelee am Teller korrespondiert.

Wunderbar zubereitete Hausmannskost

Ein Lob auch, was die Temperatur angeht: Endlich mal schafft es eine Küche, ein Gericht wirklich heiß zu servieren. Das passiert bei all den Anrichte-Spielereien am Teller, die sich durchgesetzt haben, inzwischen eher selten.

Hier ist das mit viel Butter gerührte Kartoffelpüree, das zum Confit serviert wird, noch schön heiß, genau wie das karamellisierte und zuvor in Weißwein, Essig und Zwiebel eingelegte Chicorée-Gemüse.

Im Joynes gibt es wunderbar zubereitete französische Hausmannskost, die Leib und Seele wärmt und fantastisch schmeckt – einen besseren Grund, um ein Restaurant zu besuchen, gibt es nicht.

Mommsenstraße 42, Charlottenburg, Mi–So ab 17.30 bis 24 Uhr (Küche geöffnet bis 22.30 Uhr),  Telefon: 9486-9219