Der Koch Daniel Roick wirbelt in der kleinen Küche umher, er schöpft aus dem großen Kochtopf eine Kelle der Ingwer-Süßkartoffelsuppe auf die angewärmten Teller, richtet dann gleich die Tofu-Mangoldröllchen mit gegrilltem Brokkoli, Kartoffelgratin und  Gemüsejus als Hauptgang an und kümmert sich auch noch ums Dessert:  Heidelbeerschnitte mit Sojasahne.

„Hier wird einem die ultimative Kreativität abverlangt!“, ruft der  27-Jährige grinsend in den überhitzten Raum, denn die Musik der „Ton, Steine, Scherben“, die er aus seinem Handy über Boxen abspielt, ist ziemlich laut.

Kochen mit krummen Möhren

Roick weiß mittags noch nicht, was er abends für seine Gäste kochen wird. Denn anders als in gewöhnlichen Restaurants bereitet er mit seiner Crew die Menüs im „Restlos glücklich“ aus übrig gebliebenen Lebensmitteln zu. Gekocht wird, was anderswo nicht verwendet wird,  weil es nicht der Norm entspricht.

Das können Waren sein, die sich nur schlecht verkaufen lassen: zu krumme Möhren, viel zu große Zucchini, Süßkartoffeln, die  an einigen Stellen beschädigt sind, stark verzweigte Ingwerknollen. Üblicherweise landen solche Lebensmittel im Müll. Im Restaurant „Restlos glücklich“ werden sie davor bewahrt. Der Koch lässt sich anspruchsvolle Menüs dazu einfallen.

Alles Plätze sind reserviert

Am Sonnabend ist es im „Restlos glücklich“ restlos voll. In dem kleinen,  unscheinbaren Lokal in der Kienitzer Straße sind an diesem Abend alle Plätze besetzt. Alle Gäste haben reserviert. Sie sind neugierig auf das Menü.  Das  „Restlos glücklich“ ist das erste Restaurant in Deutschland, das ganz praktisch etwas gegen die massive Lebensmittelverschwendung in diesem Land tut, vorerst nur an einigen Tagen im Monat.  Vielleicht bald häufiger.

Laut einer  Studie der Umweltorganisation WWF aus dem Jahr 2015 landen bundesweit mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Demnach wird fast ein Drittel der Lebensmitteleinkäufe in Deutschland weggeworfen. Rein rechnerisch sind das  pro Sekunde 313 Kilogramm genießbarer  Nahrungsmittel. Oft reicht es schon, wenn sie nicht mehr  schön aussehen.

Teil der Foodsharing-Bewegung

Mit solchen ernüchternden Zahlen beschäftigt sich Leoni Beckmann seit einigen  Jahren. Die 28-jährige Sozialwissenschaftlerin hat mit etwa 20 Gleichgesinnten vor zwei Jahren den Verein „Restlos glücklich“ gegründet. Die Mitglieder gehören zur Foodsharing-Bewegung, die Aufklärungskampagnen organisiert und beispielsweise öffentliche Kühlschränke aufstellt, in denen übrig gebliebene Lebensmittel gelagert und verteilt werden. „Es ist so einfach, etwas  gegen das  Verschwenden von Lebensmitteln zu tun“, sagt Leoni Beckmann.

Nach dem Vorbild des Restaurants Rub&Stub in Kopenhagen, wo schon länger mit aussortierten Lebensmitteln gekocht wird, entwickelte der Verein einen Businessplan und sammelte per Crowdfunding 30.000 Euro Startkapital. Ein geeignetes Lokal fand er als Untermieter in der Kienitzer Straße.

Kulinarischer anspruch ist hoch

Die Gewinne aus dem Restaurantbetrieb werden in Bildungsarbeit, etwa in Kurse investiert. Nur der Koch und der Restaurantmanager bekommen ihre Arbeit bezahlt, der Rest der Truppe arbeitet ehrenamtlich.  „Der ideelle Gedanke steht im Vordergrund“, sagt Leoni Beckmann. Und der Genuss. Denn es gehe nicht darum, aus eingesammelten Resten eine einfache Mahlzeit, wie in einer Volksküche , zuzubereiten. „Wir haben einen kulinarischen Anspruch“, sagt Leoni Beckmann.  Ein Drei-Gänge-Menü kostet 19 Euro, die Gerichte sind auf eine Tafel geschrieben. Zum Essen wird guter Wein serviert, das Ambiente mit Kerzen, unterschiedlichen Tischen und Stühlen sowie unverputzten Wänden passt zum meist jungen Publikum.

Einen Großteil der  Lebensmittel spenden die Supermarktkette Denn’s und ein Bio-Großhändler sowie  Bio-Bauern und weitere Berliner Läden. Ein Kreuzberger Weinladen etwa gibt von Verkostungen übrig gebliebene Weine weiter. Oder Flaschen mit schief geklebten Etiketten. So etwas kauft doch niemand.

Die nächsten Abende:  22./23. sowie 29./30. April, Kienitzer Straße 22, Neukölln, Reservierung per Email unter reservierung@restlos-gluecklich.berlin