Ich mag Löffelgerichte, sehr sogar. Über den Trend in Berlin, gesundes Essen nun gern in Bowls, also Schüsseln, zum Auslöffeln zu servieren, habe ich schon öfters geschrieben. Was beim Wellness-Aufenthalt Bademantel und Badeschlappen sind, ist beim Wellness-Essen jetzt der Löffel.

Deswegen dachte ich, das Vollbluth am wunderschönen Viktoria-Luise-Platz ist genau das richtige Restaurant für mich, um entspannt ein Mittagessen zu löffeln. Das Bowl-Modegericht ist dort kulinarisches Konzept. Oder wie es die beiden Köche Felix Leisegang und André Sawahn nennen: gesundes und nahrhaftes Essen in „schnellen Schüsseln“. Jede Schüssel ist mit Gemüsestampf, Salat und gerösteten Nüssen als Basis gefüllt, darüber hinaus gibt es mehr als zwanzig mögliche Zutaten.

Was ich zuvor nicht wusste: Der Gast muss diese Zutaten selbst auswählen, und seine Bowl mit Hilfe einer in verschiedene Sektionen eingeteilten Karte selbst kombinieren, ergänzen und toppen. Genau hier begann der Stress für mich: Aus der Sektion „Grünes“ musste ich mich zum Beispiel zwischen wildem Brokkoli, Ofenkürbis oder Erbsen und Edamame entscheiden, aus „Mariniertes“ zwischen nussiger Beete, Rübe orange oder auch Blumenkohlreis. Schließlich gab es aber auch noch acht verschiedene Dips und Saucen für die Schüssel, sowie gegen Aufpreis Fleisch oder Fisch – etwa ein Mandelhuhn oder in Ahornsirup marinierten Lachs und Pulpo.

Schon beim Lesen geriet ich ins Schwitzen. Ich will ganz ehrlich sein: Für mich, die stets die perfekte Kombination anstrebt, bedeutet dies die totale Überforderung. Wenn ich ins Restaurant gehe, bezahle ich die Kunst des Kochs, die neben dem Einkauf der Zutaten vor allem in der Kombination eben dieser liegt. Der normale Mensch tendiert nämlich dazu, alles, was ihm schmeckt, einfach zusammen zu bestellen. Ein Anfängerfehler, den ich auf jeden Fall vermeiden wollte. Daher grübelte ich lange über der Karte.

Leider hatte ich keine Ahnung, wie genau der Gemüsestampf als Basis gewürzt ist, und ob er sich mit dem „würzigen Spinat“ oder den asiatischen Aromen des Edamame beißen würde. Ich hätte dies viel lieber den beiden Köchen überlassen, von denen ich wusste, dass sie seit gut sieben Jahren ein zweites, mit einem Bib Gourmand ausgezeichnetes Restaurant führen, nämlich das Jungbluth in Steglitz.

Um mir etwas Zeit zu verschaffen, bestellte ich mir vorweg eine „kräftige Klare“, eine Rinderessenz-Suppe, die ohne Wahlmöglichkeiten kommt. Ihr Fleischaroma war herzhaft, weiche Rindfleischwürfelchen und ein cremiges Bio-Eigelb schwammen darin. Ein wunderbarer Start, leider machte ich bei meiner Bowl dann aber alles falsch.

Obwohl ich versucht hatte, möglichst viel vom Service über Zubereitungsart und Geschmack der Komponenten zu erfahren, passte nichts wirklich zusammen. Ich hatte mich für Pulpo entschieden; dazu, dachte ich, könnten die Röstaromen vom Ofenkürbis passen. Empfohlen wurde mir aus „Mariniertes“ der „Champions Leek“, als Sauce nahm ich dummerweise Mojo Picon. Diese sehr knoblauchartige, scharfe rote Paprikasauce vertrug sich im Grunde mit nichts in der Schüssel – am ehesten noch mit dem Pulpo, zu dem ich mir aber eigentlich nur etwas Meersalz, Öl und Zitrone gewünscht hätte.

Schon gar nicht passten Sauce und Krake aber mit dem Gemüsestampf zusammen. Der schmeckte sehr deutsch nach einem Wurzelgemüse, wie man es zum Tafelspitz isst. Es war ein schreckliches Durcheinander, statt mit dem Löffel pickte ich mir mit der Gabel einzelne Elemente heraus. Ein völlig unentspanntes Erlebnis, das mich einerseits wieder einmal Demut vor den Köchen lehrte, andererseits aber auch ärgerte, weil sie ihre Kunst nicht auf den Gast abwälzen sollten. Leider habe ich erst zu spät gesehen, dass man auch einfach die „Schüssel des Tages“ hätte wählen können.

Vollbluth, Welserstraße 10-12, Schöneberg, Montag bis Sonntag, 10 bis 24 Uhr, Telefon: 2363-0012