Restaurantkritik Gode Wind Restaurantschiff in Berlin-Rummelsburg: Im Fischeparadies

Jeder Beruf hat Nebenwirkungen. Ich werde zum Beispiel in meinem Bekanntenkreis nicht mehr gern zum Essen eingeladen. Dabei bin ich gar keine Gefahr. Nur weil ich Restaurants teste, beurteile ich doch nicht den Lammbraten einer Freundin danach, ob er so zart wie bei einem Koch schmeckt, der  das nötige Equipment vom Sous-vide-Garer bis zum Präzisionsherd hat. Trotzdem verabreden sich meine Freunde inzwischen lieber in Restaurants mit mir – in Restaurants, die ich vorschlagen muss. Denn natürlich –  das ist die zweite Nebenwirkung – werde ich stets nach Vorschlägen gefragt.

Besonders schlimm wird es in der Herbstzeit, wenn die Organisation von Weihnachtsfeiern und Neujahrsessen beginnt. Fast immer werde ich um den „besonderen Tipp“ gebeten: eine abgefahrene Location, ein ungewöhnliches Restaurantkonzept, damit man auch die langweiligen und unbeliebten Kollegen erträgt. Das Schöne in diesem Jahr ist: Ich kann tatsächlich aushelfen. Mein Tipp heißt Gode Wind – die Hauptstadtkogge. Restaurantschiffe sind eigentlich nicht mein Ding. Bei den meisten Themenrestaurants – seien sie schwimmend, dunkel oder voller artistischer Zwischenspiele – muss man bei der Qualität des Essens gehörig Abstriche machen. Nicht so auf der Gode Wind.

Das ehemalige Requisitenschiff, ein Nachbau einer Hansekogge aus dem 14. Jahrhundert, die 2005 für den Historienfilm „Störtebeker“ gezimmert wurde, hat sich natürlich auf Fischspezialitäten eingeschossen. Doch wer an Backfisch mit Fertigmayo, sauer eingelegten Matjes und verwürzte Bratkartoffeln denkt, der irrt. Auf der Gode Wind kocht der ehemalige Küchendirektor des Hotel Adlon, Jürgen Bemmerl.

Was Fisch angeht, versteht es Bemmerl, die beste Qualität rauszupicken. Miesmuscheln, Garnelen, Lachs, Sepia, Kabeljau und Wels, den er an dem Tag, an dem ich da bin, übers Frischeparadies bezogen hat, sind hervorragend.

Zuerst probiere ich einen warmen Meeresfrüchtesalat und genieße dazu den großartigen Panoramablick, bis die Sonne über Spree, Stralau, Plänterwald und Rummelsburger Bucht untergeht. Das  Deck ist überdacht und zu den Seiten hin geschlossen. Dennoch dauert es ein wenig, bis die Heizgebläse und Strahler so richtig Wärme erzeugen.

Der einzige Riesling auf der Karte ist passabel, die Weinauswahl leider insgesamt etwas dürftig. Doch der Meeresfrüchtesalat lässt mich das vergessen: eine herbstliche Kombination, in der sich sommerliche Aromen von in Öl und Knoblauch angedünsteten Meeresfrüchten, Fenchel und frischer Wasserkresse mit dem erdig-winterlichen Gemüse Rote Beete mischen. Dazu hat der Koch etwas geröstete Algen angerichtet.

Danach versuche ich den gedünsteten Waller. Auf der Specials-Karte steht tatsächlich auch ein Backfisch mit Kartoffelsalat, den ich ebenfalls probiere. Der Waller, ein Süßwasserfisch, auch Flusswels genannt, ist wie ein Tafelspitz kombiniert, nämlich mit einem sehr guten, noch bissfesten Wurzelgemüse in heller Meerrettichsoße, wobei einem der Duft von frisch gehobeltem Meerrettich in die Nase steigt.

Der Koch hat auch den Waller, den ich auch schon mal mit leicht brackigem Geschmack wie bei einem zu alten Karpfen serviert bekam, gut ausgesucht und zubereitet: Das von Natur aus eher feste Fleisch ist voller Süßwasseraroma, kein bisschen zäh, sondern so vorsichtig gegart, dass es zerfällt. Ebenfalls innen heiß und saftig ist der Kabeljau mit seiner schönen Panade. Der Kartoffelsalat mit Gurken ist frisch und würzig, selbst gemacht ist auch die Remoulade.

Endlich einmal stimmt die Qualität bei einem Themenrestaurant. Schade nur, dass es nächsten Monat den normalen Betrieb bis zum Frühjahr einstellt. Doch dafür kann man das Gode Wind für Events buchen. Ich garantiere: Hier erträgt man auch den langweiligsten Kollegen.

Gode Wind – Das Restaurantschiff: Gustav-Holzmann-Straße 10, Rummelsburg, Mittwoch bis Freitag 17.30 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag 12 bis 22 Uhr, Telefon: 5549-4120