„Kind reanimieren“ lautete der Notruf, der am Vormittag bei der Feuerwehr einging. Leonard war in der Kita in der Melanchthonstraße in Moabit zusammengebrochen. Eine Erzieherin hatte mit den Wiederbelebungsmaßnahmen des 18 Monate alten Jungen bereits begonnen. Die Retter der Feuerwehr rasten los. Sie parkten dort, wo Platz war - in der zweiten Reihe. Für Maurizio W. war das an jenem 17. November 2017 ein Unding. Er tobte, weil der Rettungswagen sein Fahrzeug zugeparkt hatte. Er forderte die Retter auf, ihre „Scheißkarre“ wegzufahren. „Mir egal, wer reanimiert wird“, habe der Angeklagte gesagt. Er müsse zur Arbeit. Dann demolierte er den Spiegel des Rettungswagens.

Am Dienstag nun sitzt Maurizio W. vor dem Amtsgericht Tiergarten. Wegen Behinderung von hilfeleistenden Personen und Sachbeschädigung. Und der 23-jährige Mann, Teilzeitkraft in einem Imbiss, räumt die Tat ein. „Es tut mir wahnsinnig leid. Ich erkenne mich selbst nicht wieder“, heißt es in einer Erklärung, die sein Anwalt verliest. Er habe Zahnschmerzen gehabt und sei spät dran gewesen.

Die Rettungskräfte sind Zeugen in diesem Prozess. Nur einmal in zehn Jahren habe ein Feuerwehrmann einen Einsatz, bei dem ein Kleinkind wiederbelebt werden müsse, sagt Malte K., der den Rettungswagen fuhr. Bei der Ankunft sei der Angeklagte bereits auf sie zugestürmt. „Ich hoffte auf Einsicht. Doch da war nichts“, erzählt der 29-Jährige.

„Mir ist völlig egal, wo wir parken, wenn es um das Leben eines kleinen Kindes geht“, sagt sein Kollege Marcus S. Er habe dem Angeklagten erklärt, was los sei. Maurizio W. sei aggressiv geblieben. Es sei ihnen aber um den Jungen gegangen, deswegen hätten sie sich nicht mit dem Mann aufgehalten. Ein Kleinkind zu reanimieren, gehe ihm noch nach 25 Dienstjahren ans Herz.

Ersatzfahrzeug bringt Jungen ins Krankenhaus 

Die Retter konnten den kleinen Jungen wieder ins Leben zurückholen. Eine Stunde dauerte der Einsatz in der Kita. Weil Maurizio W. den Rettungswagen beschädigt hatte, musste der kleine Patient mit einem angeforderten Ersatzfahrzeug ins Krankenhaus gebracht werden. „Ich konnte den Einsatz erst im Kopf abschließen, als ich den Jungen später im Krankenhaus besucht habe - er spielte im Bett“, sagt Marcus S.

Der Feuerwehrmann erzählt auch, dass mittlerweile jeden Tag ein Rettungswagen in Berlin attackiert werde. Dabei habe er den Beruf einmal gewählt, um helfen zu können. Auf die Entschuldigung von Maurizio W. erwidert er: „Vorher nachdenken. Und sich nicht bei mir, sondern den Eltern des Jungen entschuldigen.“

Das tat der Angeklagte noch vor dem Prozess. Er bat bei den Eltern um Verzeihung und zahlte ihnen 2.000 Euro - als eine Art Wiedergutmachung.

Der Richter verurteilt Maurizio W. für die Tat trotz der Reue zu einer Geldstrafe von 1800 Euro. Doch weil der junge Mann zwei Vorstrafen hat, kommt für den Angeklagten am Ende eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten heraus - zur Bewährung. „Sie haben die Tragödie um den kleinen Jungen nicht verschuldet“, sagt der Richter. Doch das egoistische Verhalten des Angeklagten mache fassungslos. Nur, weil er zur Arbeit wollte, nahm Maurizio W. in Kauf, die Rettungsaktion zu stören.

Leonard ist mittlerweile zwei Jahre alt. Ihm geht es nach Angaben seines Vaters, der den Prozess verfolgte, den Umständen entsprechend immer besser. Mehr wollte Thomas F. zum Gesundheitszustand seines Sohnes nicht sagen.