Hamburg - Mit einem kühnen Schwung lässt Harald Höppner die Sektflasche an die frisch gestrichene Bordwand krachen – Marke Rotkäppchen, trocken. „Das kann der Lack schon ab“, sagt er. Seine Stimme ist laut und tief; er braucht kein Mikrofon, um gehört zu werden. „One, two, three“: Die Flasche zerschellt, übrig bleibt ihr Hals, befestigt an einem schmalen Tau. „Die ,Sea Watch’ ist abfahrtsbereit“, ruft Höppner in die Menge. Applaus, Lachen.

Trotz der Kälte, die an diesem Freitagnachmittag durch jede Naht zieht, und der regenversprechenden Wolkendecke ist auf dem kleinen Pier am Hamburg-Harburger Hafen kaum noch Platz. Freunde, Helfer und Journalisten drängen sich auf der schmalen Rampe, die runter zum Anlegeplatz führt. Einige tragen Schwimmwesten – als Zeichen ihrer Solidarität. Schon bald werden diese Westen für viele Menschen ein überlebenswichtiges Utensil sein.

Harald Höppner feiert Schiffstaufe. Fünf Monate ist es her, dass er den Entschluss gefasst hat, ein Boot zu kaufen, um damit Menschenleben zu retten. Im Mittelmeer - dort wo jeden Monat, jede Woche Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa ertrinken. Heute gibt er dem 98 Jahre alten Kutter einen neuen Namen: „Sea Watch“ - Seewache.

Harald Höppner ist ein Bär von einem Mann. Sein großes Gesicht ist freundlich, er trägt Jeans und Sweatshirt, seine Hände sind schmutzig, voller Lack. Dreck klebt unter den kurzen Fingernägeln. Höppner raucht eine Selbstgedrehte. Seit Monaten arbeitet der 41-Jährige mit seinem Team an der „Sea Watch“, macht sie fit für die Überfahrt. Mitte April wird eine sechsköpfige Crew aus Freiwilligen das Schiff nach Malta bringen, von dort soll sie starten, seine „private Rettungsmission“.

Auf dem Dach des Kutters erzählt er von seinem Plan; seine Ungeduld ist spürbar. Er redet schnell. „Ich kann nicht mehr zuschauen“, sagt er. „Diese Menschen kommen, weil sie in ihrer Heimat an Hunger leiden oder Kriege erleben. Und die EU lässt sie an der Grenze ersaufen wie Ratten. Das geht nicht in meinen Kopf rein.“ Zweifeln lässt er keinen Raum. Die Sache ist klar. Er will helfen – jetzt. Und zwar da, wo für ihn die Politik versagt: an der Außengrenze der Europäischen Union – zwischen Malta und der libyschen Küste, dort wo sich 80 Prozent aller Unfälle von Flüchtlingsbooten ereignen.

Die DDR und Lampedusa

„Wir wollen doch auch nicht, dass an der deutschen Grenze Tausende von Menschen sterben“, sagt er. „Das müssen die Leute endlich verstehen. Wir müssen zusammenhalten“. Auf ein Gespräch über die Grenzpolitik der EU lässt sich Höppner nicht ein, er will sich nicht in politischen Details verlieren. Es liege jetzt an ihm, den Job derer zu übernehmen, die eigentlich Hilfe leisten sollten, sagt er. Und den Menschen davon zu berichten. Er zeigt nach oben. In gut acht Metern Höhe ist eine Satellitenanlage befestigt, wie ein großes, weißes Ei hängt sie an einem der Masten. Sie versorgt die „Sea Watch“ mit Internet, über eine Festnetznummer ist das Team rund um die Uhr telefonisch erreichbar.

Es war im November des letzten Jahres, als Harald Höppner, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern im brandenburgischen Tempelfelde wohnt, die Idee kam, selbst ein wenig in die Weltpolitik einzugreifen. Im Fernsehen liefen Berichte zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. „Die DDR-Bürger sind durch die Elbe und übers Meer geflüchtet. Wenn ich damals die Grenze hätte überwinden wollen, hätte ich mich auch über jemanden gefreut, der mich nicht ertrinken lässt.“ Die DDR und Lampedusa gehören für ihn zusammen.

Höppner spricht mit Nachdruck, noch nie hat er sich so für etwas eingesetzt. Dazu kam der Kampf um Kobane, Millionen Syrer auf der Flucht, der IS. Er wusste, er würde die Sache selbst in die Hand nehmen müssen – mit einem Schiff. Obwohl er, der Einzelhändler aus Brandenburg, von Schifffahrt und Nautik überhaupt nun so gar nichts versteht.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die italienische Regierung gerade die Mission „Mare Nostrum“ eingestellt; ein Seenotrettungsprogramm mit dem Italiens Marine nach Angaben aus Rom mehr als 100.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken hatte retten können. Italien hatte die Operation nach der Tragödie von Lampedusa am 3. Oktober 2013, bei der fast 400 Menschen auf ihrer Flucht nach Europa ums Leben kamen, im Alleingang begonnen. Doch nach einem Jahr war Schluss. Neun Millionen Euro kostete die Mission jährlich. Zu viel, um sich zu beteiligen, entschied die Europäische Union und startete „Triton“, einen Einsatz unter dem Dach der EU-Grenzschutzagentur Frontex, mit dem Auftrag, das italienische Hoheitsgebiet bis zu 30 Kilometer vor der Küste zu sichern.

Ein Fehler, kritisiert Höppner. Denn anders als „Mare Nostrum“ soll „Triton“ in erster Linie illegale Einwanderer abhalten. Für die Seenotrettung sieht sich die Organisation nicht verantwortlich. „Mare Nostrum war eine super Sache“, sagt er. „Ich will, dass es so etwas wieder gibt. Egal von wem. Es kann doch nicht sein, dass diese Aufgabe jetzt ein kleines deutsches Schiff übernehmen muss.“

Höppner hat das alles schon viele Male erzählt, doch wird er nicht müde seine Motive zu erklären. Seit dem ersten Zeitungsbericht über sein Projekt, steht sein Handy nicht mehr still – auch an diesem Tag klaubt er es immer wieder aus seiner Hosentasche. Darin sei die „ganze deutsche Medienlandschaft“ abgespeichert, lacht er. Sein Plan ist aufgegangen, jeder soll erfahren, was er vorhat. „Wir können die Grenzen nicht abschaffen“, sagt Höppner, „das wollen wir auch nicht. Aber wir möchten dass die, die versuchen zu uns zu kommen um das angebotene politische Asyl zu beantragen, kommen können ohne dabei zu sterben.“ Die „Sea Watch“ werde der Politik den Spiegel vorhalten – über Videos und Berichte, die er live in die ganze Welt schicken wird.

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, was zu tun sein wird, wenn die „Sea Watch“ Flüchtlinge an Board aufnimmt.