Berlin - Wenn Bernd Lampe auf seinem Balkon sitzt, kann er weit nach Süden blicken – auf Gleise, Bäume, den Wasserturm am Ostkreuz. Doch in wenigen Monaten könnte es damit vorbei sein. Denn der 52-Jährige und seine Nachbarn müssen damit rechnen, dass das Stadtpanorama hinter grauem Aluminiumblech verschwindet. Planungen sehen vor, entlang der Revaler Straße an der Ostbahn eine sechs Meter hohe Lärmschutzwand zu bauen. Lampe und andere Anwohner protestieren. „Es wäre eine Lösung, die finsterste Assoziationen auslöst“, sagt der Friedrichshainer. Er denkt an die Berliner Mauer oder an den Trump-Wall zwischen den USA und Mexiko.

Was die Höhe anbelangt, stellt der Mauer-Vergleich allerdings sogar noch eine Untertreibung dar. Die Betonsperre, die Berlin teilte, war 3,60 Meter hoch – die Lärmschutzwand, die unweit vom Ostkreuz entstehen soll, fiele höher aus.

Dunkle Ecken voller Müll

„Hier geht es nicht nur um uns, die Anwohner“, so Lampe. Es gehe darum, dass öffentlicher Raum, der von vielen Menschen genutzt wird, und ein Wohngebiet entwertet werden. Die Wand werde die Revaler Straße, die als übergeordnete Verbindung für Fußgänger und Radfahrer immer wichtiger wird, verschatten. Auch eine Grünanlage werde betroffen sein. Graffitisprayer würden angelockt. „Und die dunklen Ecken füllen sich mit Müll“, fürchtet Sabine Engelberg, eine 43-jährige Anwohnerin. Ein Bereich, der mit Steuergeldern und den Sanierungsbeiträgen der Bauherren aufgewertet worden ist, versinke im Schatten.

Normalerweise gehen Anlieger auf die Barrikaden, weil bei Bahnbauprojekten zu wenig Lärmschutz geplant wird. Im Fall der Ostbahn am Ostkreuz ist das anders: Hier gibt es Ärger, weil zu viel des Guten getan werden soll. „Unser Ziel ist es, eine sechs Meter hohe Wand zu verhindern“, so Lampe.

Worum geht es? Am Ostkreuz sollen nicht nur S-Bahnen, sondern auch immer mehr Regionalzüge halten. „Dass die Ostbahn ebenfalls dorthin verlängert wird, war in den ersten Planungen nur als Option dabei“, sagt Michael Baufeld von der Deutschen Bahn (DB) Projektbau. Aber dann wurde entschieden, die Bahnlinie aus Kostrzyn (Küstrin), die heute in Lichtenberg endet, bald zum Ostkreuz weiterzuführen. „Ziel ist, dass die Verlängerung Ende 2018 in Betrieb geht“, so Baufeld. Geplant ist, dass die Dieseltriebwagen im unteren Bereich des Ostkreuzes enden und von einem anderen Bahnsteig wieder zurückfahren. Damit der Wechsel möglich ist, entsteht parallel zur Revaler Straße ein Kehrgleis.

Um die Anlieger vor Motorenlärm zu schützen, plante die Bahn eine vier Meter hohe und 190 Meter lange Barriere. Lampe: „Aber dann erfuhren wir, dass das Eisenbahn-Bundesamt eine sechs Meter hohe und 230 Meter lange Wand will“ – damit weniger Betroffene Ansprüche geltend machen können. Die Behörde leitet das Planfeststellungsverfahren für die Ostbahn. Mit seinen Mitstreitern versucht der Architekt und Stadtplaner nun, das Schlimmste zu verhindern. Der DB wurden Konzepte vorgelegt, die Wand verträglicher zu gestalten: vier Meter hoch, mit lichtdurchlässigen Elementen oder Gabionen, also mit Steinen gefüllten Drahtkörben. Davor könnte ein Grünstreifen mit Robinien und Hagebutten entstehen.

Es gibt aber auch Anlieger, die es prinzipiell ablehnen, dass an der Revaler Straße eine Strecke für Dieselzüge entsteht. Die Verlängerung der Ostbahn sei nicht zukunftsfähig, meint Anwohner Burkhard Nette. „Seit dem Ende der Dampflokzeit werden Schienenwege so geplant, dass Start- und Endpunkt außerhalb der Stadtzentren liegen.“

Runder Tisch diskutiert im Mai

„Die Verlängerung von Lichtenberg darf nicht in Frage gestellt werden“, entgegnet der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann. „Die Ostbahn führt seit 1867 über das Ostkreuz. Daran darf sich auch im 150. Jahr des Bestehens der Bahn nichts ändern.“ Doch auch er fordert, dass der Lärmschutz „anwohnerfreundlich und stadtbildgerecht“ erfolgen muss. „Die Gestaltung des öffentlichen Raums im Sanierungsgebiet Travekiez-Ostkreuz darf nicht durch eine Mauer zerstört werden.“

Beim Eisenbahn-Bundesamt zeigt man sich verschwiegen. Derzeit werde die abschließende Entscheidung erarbeitet, heißt es. Ihr könne nicht vorgegriffen werden.

Für den 23. Mai hat die Bahn zum nächsten Runden Tisch Ostkreuz eingeladen. Es müsse weiter diskutiert werden, sagt Lampe. „Aber wahrscheinlich wird es keinen anderen Weg geben als zu klagen.“