In Corona-Zeiten werden die Leseplätze in Bibliotheken schon mal knapp. 
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Berlin-MitteBücher, Zeitschriften, Platz zum Lesen, Plaudern, Kaffeetrinken – die Berliner Stadtbibliothek in der Breiten Straße gehört zu den geselligsten Orten der ansonsten lebensarmen Gegend in Sichtweite des Schlossneubaus. Junge Leute vielerlei Geschlechts, vielgestaltiger Kopfbedeckung und sehr diverser Herkunft kommen zum Studieren, Kontakte ergeben sich von selbst. Manche ältere Leute sitzen stundenlang im Foyer, lesen Tagespresse oder Zeitschriften. Zum Glück weiß man inzwischen recht sicher, dass Papier kein gefährlicher Virenträger ist. Die Stimmung ist gelöst, ein Ort der Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Toleranz.

Natürlich gelten die Corona-Regeln: Maske tragen, Abstand halten, Hände desinfizieren. Im Lesesaal ist jeder zweite Tisch gesperrt. Es gibt mehr Studierwillige als Plätze. Und sofort wird es kompliziert, rücksichtslos, angespannt, unfreundlich. Knappheit setzt Instinkte frei. Es gilt zu sichern, was zu sichern ist: mein Stuhl, mein Tisch! Tatsächlich ist die Hälfte der zum Arbeiten im Prinzip freigegebenen Plätze blockiert, belegt mit Blättern oder Büchern, Computerkabeln, einer Maus. Wie die Handtücher auf Liegen am Hotelpool Besitzanspruch markieren.

Sind die Platznehmerinnen und -nehmer nur mal kurz raus? Nö, antwortet ein schon länger präsenter Herr, die sind seit Stunden weg. Ich schiebe also Maus und Kabel beiseite. Ich muss schließlich arbeiten. Schlappe 90 Minuten später erscheint ein junger Mann mit Dutt, schaut vorwurfsvoll und fragt: „Es kümmert Sie wohl gar nicht, dass ich den Platz reserviert habe?“ Nö, sage ich. Er knurrt herum, sackt aber schließlich Maus und Kabel ein und trollt sich. Am Tisch nebenan erscheinen zwei Stunden später zwei junge Frauen. Inzwischen waren mindestens ein halbes Dutzend Leute durch den kleinen Lesesaal gepirscht auf der Suche nach einem Platz und vor den scheinbesetzten Plätzen zurückgescheut.

Das spießerhafte Revierkampfverhalten funktioniert auch in der Kultureinrichtung. Frech siegt. Asozial, murmelt der Herr am Nachbartisch.

Die Lesesaalaufsicht ärgert sich auch, kann aber nichts machen. Die Bibliotheksordnung gebe keine Möglichkeit zum Eingreifen. Nur für PC-Arbeitsplätze und Mikrofilmgeräte gibt es die offizielle Möglichkeit, feste Zeitfenster für ein sicheres Arbeiten zu buchen. Andere Bibliotheken haben grundsätzlich ein Buchungssystem für Lern- und Arbeitsplätze eingeführt.

Appelle der Stadtbibliothek zur Rücksichtnahme fruchten offenbar wenig. „Teilen Sie sich die Bibliothek“ heißt es freundlich bittend seit der Wiedereröffnung nach langer Corona-Pause in großer Schrift auf der Internetseite. Und am Ende des Textes noch einmal: „Ihre Bibliothek zu teilen, bedeutet mehr Bibliothek für alle! Dankeschön!“