Das Buch – eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Jahres – erzählt zwei Geschichten eines Untergangs. Es ist nicht der Untergang, der täglich in der Zeitung steht, das Ertrinken der Flüchtlinge, die von Schleppern in marode Boote gepresst und auf dem Mittelmeer ihrem Schicksal überlassen werden.

Der Untergang, den Michaela Müller in ihrem Buch verhandelt, ist der Lebensweg eines jungen Paares – Ayan und Samir –, der katastrophale Zusammenbruch ihrer Alltagsleben im vom Bürgerkrieg zerstörten Somalia. Das ist etwas, wovon kaum ein deutscher Leser je etwas erfährt, das aber entscheidend ist, um das Ausmaß des Unglücks zu verstehen: Niemand „ist“ Flüchtling, es gibt nur Menschen auf der Flucht. Müller zeigt, wie Ayan und Samir dazu geworden sind, das heißt, sie macht aus ihren Schicksalen Biografien.

Es beginnt in Lampedusa. Die Reporterin Michaela Müller – sie ist Journalistin und Publizistin – findet auf einem Schiffsfriedhof unter den Hinterlassenschaften der Flüchtlinge die Reste einer Lebensmittelkarte des UN-Flüchtlingshilfswerks, darauf den handschriftlich vermerkten Namen Ayan, und Habseligkeiten der jungen Frau: ein graues, gepolstertes Tragetuch mit weißen, aufgedruckten Schäfchen, einen Kinderschuh, eine leere Tetrapackung des französischen Herstellers Délice Lait, Milch, abgepackt in Tunesien, ein bunt gestreiftes Baumwolltuch.

Die Welt Ayans - ein Alltag voller Verwüstungen

Von diesen Spuren, die Ayan und ihre kleine Tochter Sagal in der Wirklichkeit hinterlassen haben, lässt sich die Schriftstellerin Michaela Müller in die Welt Ayans führen, in den Alltag der südsomalischen Hafenstadt Kismaayo, wo die schwangere Ayan und ihr Mann Samir leben, in die Verwüstungen des Bürgerkriegs, der auch das Meer vor der Küste Somalias in einen rechtsfreien Raum verwandelt hat, in dem internationale Reedereien die Fischgründe plündern.

Es ist eine zynische Volte der Geschichte – auch der Geschichte, die Michaela Müller erzählt – , dass die Opfer der katastrophalen Verhältnisse selbst zu Tätern werden. Weil Samir seine Arbeit als Fischer zu riskant wird, nimmt er Arbeit in Mogadischu an, schon bald wird der friedliche Mensch zu einem ängstlichen Piraten.

Wie Ayans Leben zusammenbricht

Parallel zum Untergang Samirs, der bei seinem ersten Einsatz als Pirat von europäischen Soldaten gefangen genommen und für das Strafverfahren nach Hamburg überstellt wird, vollzieht sich der Zusammenbruch des Lebens Ayans. Sie landet in Dadaab, einem Flüchtlingslager hinter der Grenze in Kenia, gebiert ihre Tochter, kauft sich zwei Plätze auf einem Schlepperboot, das mit Maschinenschaden auf offener See zu kentern droht und wird im letzten Augenblick gerettet.

Gerettet? Zwei Menschen haben überlebt, aber davor haben sie ihre Leben verloren. Das ist die Geschichte von Ayan und Samir, geschrieben von einer großen Erzählerin.