Berlin - Manchmal schmeckt die Heimat nach Kochbananen. Genauer gesagt nach Kwadu nenkate, gebratenen Kochbananen, die, bevor sie zum zweiten Mal in der Pfanne landen, in Eigelb gewendet und danach mit Erdnusssoße serviert werden. Zumindest für Kwabena ist das so. Der junge Ghanaer flüchtete wie so viele über Libyen mit dem Boot nach Lampedusa. Er hatte Glück, erreichte die Insel, erhielt eine Aufenthaltserlaubnis, gelangte von Italien aus nach Deutschland und zog ins Protestcamp auf dem Berliner Oranienplatz.

Kwabena glaubt fest daran, dass er sich irgendwann ein anderes, ein besseres Leben aufbauen wird, Schritt für Schritt. Solange das noch auf sich warten lässt, spielt er Fußball und lernt Deutsch. Die vier Berliner Studenten Ninon Demuth, Bontu Guschke, Gerrit Kürschner und Carolin Strehmel haben Kwabenas Rezept und seine Geschichte aufgeschrieben. Aber nicht nur die: Ihr Buch „Über den Tellerrand kochen“ versammelt kulinarische Porträts von 21 Asylsuchenden.

Kochen verbindet

Das Projekt, für das der profane Begriff „Kochbuch“ viel zu kurz greift, entstand im Rahmen von Funpreneur an der Freien Universität. Bei diesem Gründungs-Wettbewerb können jedes Semester Studentengruppen im Real-Experiment Geschäftsideen austesten, unterstützt von Mentoren aus der Wirtschaft, mit nur fünf Euro Startkapital.

Als sich Bontu Guschke und Carolin Strehmel, die Publizistik studieren, beim Wettbewerb anmeldeten, stand ihr Plan bereits grob fest. Es sollte ein soziales Projekt sein, nicht nur ein wirtschaftliches. Die entscheidende Idee hatte dann Bontu Guschke: „Das Thema Asyl ist momentan so zentral. Ich habe mir überlegt, wie man die Menschen dahinter vorstellen könnte“, erzählt die Studentin. So kam sie aufs Kochen. Kochen verbindet. Beim Ideenworkshop des Wettbewerbs stießen die Biotechnologie-Studenten Ninon Demuth und Gerrit Kürschner dazu. Erst wollten die vier Kochkurse mit Asylsuchenden veranstalten, dann entschieden sie sich für das Buch, weil man damit mehr Leute erreichen kann.

Am Anfang fürchteten sie, die Flüchtlinge könnten ihr Anliegen missverstehen. Das Gegenteil war der Fall. Sie trafen auf kooperative Heimleitungen und viele herzliche Menschen, die sich über das Interesse freuten und sie mit jeder Menge Rezepte aus ihren Heimatländern fütterten. Originalrezepte, keine eingedeutschten Versionen, darauf legen die Studenten Wert. Man erfährt, wie man im Irak Gemüse befüllt, in der Türkei vegetarische Köfte zubereitet oder einen typisch bosnischen Eintopf kocht. Die Geschichten dazu entstanden auf behutsame Weise.

„Wir haben keine Interviews geführt, nur zusammen gekocht“, erzählt Gerrit Kürschner. Sie haben sich viel Zeit genommen fürs Kochen und fürs Kennenlernen. Über das Essen kam man aufs Leben, auf die Vergangenheit, auf die Heimat, die sie alle mit triftigen Gründen verlassen haben, die sie dennoch oft vermissen.

Welches Schicksal sie am meisten berührte? „Das von Tarek“, sagt Carolin Strehmel. Tarek ist ein junger Syrer, der 2005 zum Studium hierher kam. Dann begannen die Unruhen in seiner Heimat. Er organisierte Demos, half, Medikamente nach Syrien zu schaffen. Die Zeit fürs Studium wurde knapper und Tarek exmatrikuliert. Kein Studium, kein Visum. Der Syrer musste in Berlin einen Asylantrag stellen. Die Geschichten sind traurig, sie machen aber auch Mut. Ninon Demuth erzählt von der dreifachen Mutter und begnadeten Köchin aus Syrien, die im Asylbewerberheim für die Familie Weichkäse zubereitet, indem sie Joghurt durch den Bettbezug presst.

15 Euro kostet das Buch, davon gehen 2,50 Euro als Spenden an Pro Asyl. Die erste Auflage ist bereits ausverkauft, die zweite in Planung. Bei Funpreneur holten die vier Studenten die wichtigsten Preise, zusammen mit dem Gewinn aus dem Verkauf der ersten Auflage ergibt dies ein kleines Startkapital für eine Neugründung, die nun ansteht.

Hier können sie das Buch vorbestellen: www.ueberdentellerrandkochen.de