Ricardo Lange: Der Personalmangel in den Krankenhäusern kostet Menschenleben!

Der Alltag im Krankenhaus heißt für Pfleger besonders am Ende des Jahres pure Überarbeitung. Der Pflegenotstand tötet. Eine Kolumne von Ricardo Lange.

IMAGO / Mike Schmidt

Ein kaltblütiger Serienmörder rafft genau vor unseren Augen regelmäßig das Leben unzähliger Menschen dahin. Was wie der Anfang eines Groschenromans klingt, ist in vielen Kliniken und Pflegeeinrichtungen leider zur bitteren Realität geworden. Die Rede ist vom Personalmangel. Ja, Sie haben richtig gelesen: Er bringt die Menschen um!

Jeden Tag begegnen uns Warnhinweise. In jeder Packungsbeilage stehen die Risiken und Nebenwirkungen der Medikamente, und es findet keine Operation statt, ohne dass der Patient über mögliche Komplikationen aufgeklärt wurde. Nicht einmal einen Glimmstängel kann man sich anzünden, ohne über die Bilder der gesundheitlichen Folgen zu stolpern. Worüber aber bis heute gerne geschwiegen wird, sind die Gefahren für Leib und Leben, die durch den Personalnotstand auf uns lauern.

Es geht um Menschenleben

Die Politik und alle beteiligten Entscheidungsträger, die weiter ihre Scheuklappen tragen, machen sich in meinen Augen mitschuldig. Das Blut klebt an ihren Händen und an all jenen, die dem Personalnotstand über die Jahre hinweg zu wenig entgegengesetzt und zugelassen haben, dass er sich ungehindert ausweitet. Das fällt uns jetzt allen auf die Füße. Meine letzten Dienste für dieses Jahr waren gelinde gesagt beschissen.

Die Intensivstation war rappeldicke voll, alle Betten belegt. Viele Kliniken im Umkreis hatten sich notgedrungen von der Leitstelle abgemeldet. O-Ton der Notärztin, die uns den letzten Patienten brachte, bevor sich auch unsere Notaufnahme verabschiedete: „Das war der letzte Beatmungsplatz, der momentan weit und breit zu Verfügung steht.“ Das Traurige an der Sache ist, dass überall Beatmungsgeräte verstauben, weil kein Personal zur Verfügung steht, um diese zu bedienen.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person
Ricardo Lange, 41, wuchs in Berlin-Hellersdorf auf. Um sich dort gegen Übergriffe behaupten zu können, betrieb er Kampfsport und Bodybuilding. Er arbeitete als Fitnesstrainer und bei der Polizei, bevor er sich zum Intensivpfleger ausbilden ließ und in diesem Beruf seine Berufung fand.

Für eine Zeitarbeitsfirma
springt Lange in Berliner Krankenhäusern ein, in denen die Personalnot am größten ist. Im Januar hat er ein Buch über den Pflegenotstand veröffentlicht: „Intensiv: Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist – Ein Notruf“ (dtv). Er ist Kolumnist der Berliner Zeitung.

An solchen Tagen ist es unser kleinstes Problem, nicht von der Stulle abbeißen oder mal eben schnell pinkeln gehen zu können. Es geht um Menschenleben. Immer dann, wenn zu wenig Personal auf zu viele Patienten trifft, kommt es zum Supergau: Verwirrte Patienten reißen sich den Beatmungsschlauch raus oder stürzen über die Bettgitter. Komplikationen werden zu spät erkannt, und es passieren andere kritische Zwischenfälle, bei denen Patienten in Gefahr geraten, weil niemand da ist, der ein Auge darauf haben kann. Meine Kollegen und ich können dann meistens nur noch eines leisten: Schadensbegrenzung!

Zu langes Liegen kann zu Wunden führen

Wer nun denkt, dass es immer die krassen Horrorszenarien sind, wird überrascht sein, bei wie vielen, vermeintlich kleinen Dingen das Leben oder die Gesundheit eines Patienten bedroht ist.

Schon eine unzureichend durchgeführte Mundpflege kann bei beatmeten Patienten eine – im schlimmsten Fall – tödliche Lungenentzündung verursachen. Klingt verrückt, lässt sich aber plausibel erklären. Durch den Beatmungsschlauch sind die normalen Abwehrmechanismen der Atemwege, wie zum Beispiel das Abhusten von Sekret, gestört. Der beeinträchtigte Speichelfluss führt zu vermehrter Bakterienbildung im Mund, die dann durch kleinste Speicheltröpfchen, die sogenannte Mikroaspiration, in die Lunge gelangen und eine Infektion auslösen können.

Nehmen wir die bettlägerige und inkontinente Bewohnerin eines Pflegeheimes, die aufgrund von Zeitmangel nicht ausreichend umgelagert wird und eine Druckstelle am Gesäß entwickelt. Was mit einer leichten Rötung beginnt, endet schnell mit einer großen, klaffenden Wunde, die Muskeln, Sehnen und Knochen zum Vorschein bringt. Das ist nicht nur sehr schmerzhaft, sondern kann an dieser Stelle in Verbindung mit Darmbakterien zu einer Blutvergiftung führen. An einer sogenannten Sepsis sterben deutschlandweit jedes Jahr ungefähr 75.000 Menschen, oder wie Karl Lauterbach sagen würde, circa 205 jeden Tag.

Ärzte, die übermüdet sind

Eine Sepsis kann durch viele Ursachen ausgelöst werden, zum Beispiel durch Keimverschleppung. Drei Jahre lang wurde immer wieder hoch- und runtergebetet, wie wichtig gründliches Händewaschen ist. Auch im Klinikalltag sind die Hände das häufigste Übertragungsvehikel, wenn es um Krankheitserreger geht. Unter Zeitdruck schleichen sich bei den Hygienemaßnahmen häufig Fehler ein, wodurch sich gefährliche Krankenhauskeime schnell und unbemerkt verbreiten. Diese fordern hierzulande jährlich bis zu 20.000 – oder pro Tag gerechnet 55 – Todesopfer.

Andere Patienten sind von multiresistenten Keimen betroffen und liegen meist wochenlang ohne Hüftgelenk im Krankenhaus, weil sich einer dieser Superkeime in der OP-Wunde breitgemacht hat und die frisch eingesetzte Prothese wieder entfernt werden musste.

Das zeigt, dass jede Pflegehandlung an und mit dem Patienten – egal wie banal sie erscheinen mag – absolut essenziell ist und jede, die wir unterlassen müssen, eine gefährliche Kettenreaktion auslösen kann, an deren Ende ernsthafte Konsequenzen stehen. Nicht nur die Pflege, sondern alle Beteiligten sind für das Patientenwohl unabdingbar. Mit einem Gedankengang möchte ich Sie daher in das neue Jahr entlassen: Haben Sie sich schon mal gefragt, wie viele Stunden Ihr Chirurg schon wach und ob er noch konzentriert genug ist, während er mit dem Skalpell in Ihr Fleisch schneidet?

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