Berlin - Andre Lassague ist an diesem Freitag extra aus Frankreich nach Brandenburg an der Havel gekommen. Er ist Nebenkläger in einem der wohl letzten Prozesse gegen einen mutmaßlichen NS-Täter. Lassague berichtet an diesem Tag über das Schicksal seines Vaters, der als Mitglied des französischen Widerstands im Herbst 1942 festgenommen und Anfang 1943 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurde. Im Februar 1944 sei er ins Krankenrevier gekommen, sagt Lassague als Zeuge. Danach sei sein Vater gesundheitlich immer schwächer geworden. Nach Aussage seiner Kameraden wurde sein Vater am 27. März im Krematorium des KZ verbrannt. „Seine Kameraden waren sich nicht sicher, ob er schon vollständig tot war, als er verbrannt wurde“, berichtete Lassague.

Nur wenige Meter entfernt sitzt Josef S., der Angeklagte. Er soll Teil der mörderischen Maschinerie im KZ Sachsenhausen gewesen sein. Die Anklage wirft dem 100 Jahre alten Mann vor, dort von 1942 bis 1945 als SS-Wachmann Beihilfe zum Mord an Tausenden Häftlingen geleistet zu haben.

Zu Beginn des Verhandlungstages hätte eigentlich der psychiatrische Gutachter als Zeuge aussagen sollen, der den hochbetagten Angeklagten auf Verhandlungsfähigkeit untersucht hatte. Doch dazu kam es nicht. Stefan Waterkamp, der Verteidiger des Angeklagten, hatte beantragt, dass die Angaben des Mediziners nicht verwertet werden dürfen, und diesem Antrag kam die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Neuruppin nach.

Hintergrund: Der Sachverständige sollte in dem Verfahren als Zeuge zu den Angaben von Josef S. befragt werden. „Der Gutachter hatte im Vorfeld der Gespräche mit meinem Mandanten zugesichert, keine Fragen zu den hier angeklagten Taten zu stellen“, sagte Waterkamp zu seinem Antrag. Dem sei der Sachverständige mit einer Frage nicht nachgekommen. „Deswegen hat die Kammer meinem Antrag wegen des Fairnessgebots stattgegeben.“

Josef S. hatte bestritten, im KZ tätig gewesen zu sein

Josef S. hatte sich nach dem schriftlichen Gutachten bei einem Untersuchungstermin zu den Vorwürfen geäußert. Dies dürfe nicht verwertet werden, weil der Gutachter eine Frage gestellt habe, die zu nah auf die Tatvorwürfe zielte, hieß es im Beschluss des Gerichts. Auch spontane Angaben des Angeklagten gegenüber einem Kriminalbeamten dürfen auf Antrag des Verteidigers im Prozess nicht verwertet werden.

Stefan Waterkamp hatte schon zu Beginn des Prozesses erklärt, sein Mandant werde sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Am zweiten Prozesstag hatte Josef S. jedoch in einer spontanen Äußerung vor Gericht bestritten, im KZ Sachsenhausen tätig gewesen zu sein.

Am Ende des Verhandlungstages, Josef S. ist laut Gutachten nur zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag verhandlungsfähig, forderte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann den Angeklagten eindringlich auf, über seine Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs auszusagen. Der Angeklagte habe schon zweimal erklärt, dass er nicht in Sachsenhausen, sondern in der litauischen Armee gewesen sei, sagte Lechtermann. „Wenn es so war: Dann wäre es hilfreich, wenn Sie sagen, was Sie in Litauen gemacht haben – dann können wir das nachprüfen.“

Historischer Sachverständiger wird erwartet

Falls der Angeklagte jedoch, wie in der Anklage verlesen, als SS-Wachmann in dem KZ gedient habe, stelle sich die Frage, ob der 100-Jährige dies nicht entsprechend im Prozess erklären solle. „Das könnte der Anstand gebieten“, mahnte der Vorsitzende Richter. Für die als Nebenkläger beteiligten Überlebenden und Nachkommen des KZ könne dies eine Genugtuung sein.

Der Verteidiger des Angeklagten, Stefan Waterkamp, erklärte auf Nachfrage, er werde dies mit seinem Mandanten besprechen. Er könne aber noch nicht sagen, ob er bereits beim nächsten Prozesstag am kommenden Donnerstag eine Erklärung dazu abgeben werde.

An diesem Tag soll auch erstmals der historische Sachverständige gehört werden. Die Ermittler waren auf die Spur von Josef S. über Dokumente aus Archiven gekommen, die die Tätigkeit eines Mannes mit seinem Namen, Geburtstag und Geburtsort in den SS-Wachmannschaften des KZ belegten.