So ein Schlossrohbau kann erstaunlich klein sein. Er passt in einen Laptop oder sogar in ein Mobiltelefon, wenn Manfred Rettig ihn mal wieder schnell in die Tasche stecken will. In Form von Tabellen und Kostenplänen, Kalkulationen und Simulationen, denn natürlich steht Rettig, Chef der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, nicht in Latzhosen an langen staubigen Arbeitstischen herum, auf denen Architekturskizzen und unerledigte Aufgaben ausgebreitet werden. Auch wenn man sich das gern so ausmalt, denn der Bund als Bauherr, das ist eben doch ziemlich abstrakt. Und dass ein Gebäude mit der Grundfläche von drei Fußballfeldern sich einfach so zu Zahlenkolonnen im Kopf eines einzelnen Herrn sortieren lässt, ist noch viel abstrakter.

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Rettig, 63, geboren in Münster, empfängt in elegantem marineblauen Zwirn und hinter blitzender randloser Brille in seinem Büro im Kronprinzenpalais, wohlsortiert. Es liegt, zum Glück, nicht in seinem Naturell, sich als Troubleshooter, als Megabaustellen-Manager nach Mehdorn-Manier zu gerieren. Schwärmen kann Rettig, der Architektur und Städtebau in Münster und West-Berlin studiert hat, aber schon so richtig: von der Rekonstruktion des Schlüterhofs, „einer der bedeutendsten Barockfassaden nördlich der Alpen“, von den Spreeterrassen an der Ostseite, die es so noch nie gegeben habe, mit Außengastronomie und Morgensonne, von der Chance, ein „öffentliches Bürgerhaus“ zu erschaffen: „Diese Stadträume hat es in der Form nicht gegeben. Am Palast der Republik war ein großer Platz, eine große Leere“, sagt er.

Aber noch führt jede schwärmerische Vision zurück in die raue Realität – zu einer Baustelle mit strengen Vorgaben. Als größte Herausforderung seines Lebens sieht er das nicht: Das sei der Regierungsumzug gewesen. Auch dafür war Manfred Rettig hauptverantwortlich, inklusive der Neubauten von Parlament und Regierungsviertel.

Anonymer Spender für die Kuppel

Ihn selbst hat es in eine weniger repräsentative Ecke der Stadt gezogen. Rettig lebt direkt am Görlitzer Park, da geht er auch joggen: „Für mich ist der Melting Pot nicht mehr so sehr der Prenzlauer Berg, sondern der Wrangelkiez. Ich sage zwar immer, ich bin der Älteste, der da wohnt, aber das macht mir einfach Spaß.“ Als Erstes nimmt er deshalb die Krawatte ab, wenn er nach Hause kommt.

In seiner Zeit am Bundesrechnungshof hat er gelernt, wie wichtig das richtige Termin- und Kosten-Controlling ist, Details, die – siehe BER, die andere Baustelle Berlins – unangenehme Wahrheiten für das große Ganze enthalten können. Als er 2009 seinen Posten bei der Stiftung antrat, da erklärt er ziemlich bald, die geplante Fertigstellung des Schlosses im Jahr 2014 sei Utopie. Es soll nun 2019 fertig werden, wenn alles läuft wie geplant. Bisher läuft es gut, deswegen kann der Bauherr auch gerade so entspannt sein.

„Technisch“, sagt Manfred Rettig, „hätten wir schon im Dezember Richtfest feiern können.“ Natürlich wird man ihn kurze Zeit später, wie mutmaßlich jeder Besucher, dazu überredet haben, doch nur mal eben vom Büro zur Baustelle hinüberzugehen. Wenn man neben ihm auf der Schlossbrücke steht und in den veilchenblauen Berliner Himmel blinzelt, in dessen Licht sogar die Betonmassen des Rohbaus leichter und weicher zu werden scheinen, leuchtet die meteorologisch kluge Strategie sofort ein. Denn vor allem in strahlendem Sonnenschein kann die für Freitag um 12 Uhr angesetzte Zeremonie ja das werden, was sie werden soll: ein international registriertes Ereignis für das größte nationale Kultur-Bauprojekt. Eins, das auf wohlwollende Wahrnehmung angewiesen ist: Das Humboldt-Forum finanzieren Bund und Land Berlin mit 478 beziehungsweise 32 Millionen Euro, die barocke Schlossfassade soll durch private Spenden in Höhe von 80 Millionen Euro realisiert werden. 50 davon hat der Förderverein bereits eingeworben.

Weitere 25,5 Millionen Euro sind für andere historische Optionen veranschlagt. Die monumentale Kuppel zum Beispiel, in deren Rohkonstruktion der Richtkranz hängen soll, gerade werden hoch oben die letzten Träger befestigt. Die Mittel dafür kamen, eine schöne Überraschung, von einem anonymen Spender, erzählt Rettig. Für ein Dachrestaurant würde er sich übrigens auch noch einen Geldgeber wünschen: „Wenn man da oben steht, dann weiß man, warum ich dafür plädiere. Es ist ein Wahnsinnsausblick, die Stadt liegt einem zu Füßen.“

Dass Geldeinsammeln en gros und en détail zu den Kernaufgaben seines Jobs gehören würde, habe ihn zunächst abgeschreckt, sagt Manfred Rettig. „Ich war erst gar nicht amused. Wegen des Themas Fundraising. Ich habe im Scherz gesagt: Ich will doch in meinem Alter nicht noch zum Betteln gehen!“ Mittlerweile glaubt er allerdings fest daran, dass die Mittel zusammenkommen: „Wir haben keinen Plan B, weil wir keinen Plan B brauchen werden.“

Berliner und ihre Baustellenliebe

Ein Haus, selbst wenn es noch eine Baustelle ist, lässt sich leichter erklären als die Idee von einem Haus. Die öffentliche Diskussion hat sich thematisch verlagert. Es geht nicht mehr zwangsläufig um ein Schloss, das einen Palast zerstört hat, sondern derzeit – auch das selbstverständlich sehr hartnäckig – um die Inhalte, den Umzug der Dahlemer Museen etwa. Für das Wochenende, an dem der Rohbau besichtigt werden kann, darf Manfred Rettig auf günstige Stimmung hoffen, schließlich sind Berliner als Baustellenbesucher geübt und sowieso von Natur aus neugierig: Zur Grundsteinlegung, die vor genau zwei Jahren stattfand, gab es den ersten Tag der offenen Baustelle, erinnert sich Manfred Rettig. „Und wie um die Kaaba in Mekka liefen 15 000 Berliner nur um den Grundstein herum. Letztes Jahr gab es dann den zweiten Tag der offenen Baustelle. Da kamen schon 35 000 Besucher, an nur einem Tag. Logistisch ein Riesenproblem …“ Mehr als 8000 Besucher gleichzeitig sind nicht zugelassen in dem Gebäude, dessen Dimensionen staunen lassen. Allein das Erdgeschoss hat über 20.000 Quadratmeter.

„Wir sind in der komfortablen Situation, dass wir die Rohbaumaßnahme mit einer schwarzen Zahl abschließen. Wir haben bisher keine unvorhergesehenen Kostensteigerungen und gehen mit einem Kostenpuffer in die weitere Ausführung“, sagt Rettig. Vor der Zeit fertig und auch noch Geld gespart, das kennt man nicht in Berlin, weswegen Manfred Rettig derzeit gern auch als Retter der Flughafen-Baustelle ins Gespräch gebracht wird. Da winkt er dann gemessen ab. Erstens, weil seine Aufgabe ja längst noch nicht vollendet ist. Das Gebäude soll 2018 fertiggestellt sein, das Humboldt-Forum in der zweiten Jahreshälfte 2019 eröffnet werden. Zweitens, weil er es unfein fände, auf weitere Flughafendesaster zu spekulieren: „Ich wünsche mir, dass der BER rechtzeitig fertig wird. So rechtzeitig, dass, wenn wir das Humboldt-Forum eröffnen, wir auch einen guten Zustrom über den BER hierher kriegen“, lautet die diplomatische Antwort. Und trotzdem: Mit dem Regierungsumzug war er damals ebenfalls weit vor der Zeit fertig. Und auch noch eine Milliarde günstiger.