Am Wochenende wird nach dem Richtfest an diesem Freitag das Humboldt-Forum endlich auch für ein breiteres Publikum zugänglich, das bisher nur zu Sonderführungen hineinkam. Es ist also Zeit für ein erstes Resümee jenes Baus, der sicherlich bald nur noch als „Das Schloss“ bezeichnet werden wird. Denn das Humboldt-Forum ist von ähnlich akademischer Erotik wie die Architektur- und Raumformen des italienischen Architekten Franco Stella, die an der Stelle des einstigen preußischen Prachtbaues und seines zeitweiligen Nachfolgers, des Palasts der Republik der DDR, gebaut werden.

Wohlgemerkt: Hier entsteht eben nicht das 1950 vandalisch gesprengte Berliner Schloss wieder. Ja, jede Verwendung von Begriffen wie „Wiederaufbau“ oder „Rekonstruktion“ sollte unbedingt vermieden werden. Dazu fehlt es für das eine an originaler Substanz und das andere an radikaler Konsequenz. Nicht einmal das große Treppenhaus soll in barocken Formen wiedererstehen. Es ist ein modernes Kulturzentrum mit teilweise historisierenden Fassaden. Hinter diesen sollen in den beiden Obergeschossen ab 2019 die einzigartigen Sammlungen des Berliner Ethnologischen Museum sowie das kaum weniger bedeutende Museum für Asiatische Kunst unterkommen. Das erste Geschoss ist nach aktuellem Planungsstand für die Museumsbibliotheken sowie für die neuerdings vom Senat geplante, äußerst umstrittene Ausstellung zur Berliner Stadtgeschichte reserviert. Und im Erdgeschoss werden Veranstaltungs- sowie Ausstellungssäle, ein Museum zur „Geschichte des Ortes“, Restaurants und Shops eingerichtet.

Es fehlt barocker Schwung

Leider müssen sie alle eine eher mittelmäßige Architektur benutzen. Der Rohbau, systematisch in Beton gegossen wie ein Hochregallager, enthüllt gnadenlos, dass der Architekt Franco Stella bei Weitem nicht mithalten kann mit seinen großen Vorgängern von Andreas Schlüter über Eosander und Schinkel bis zu Ernst von Ihne, dem neubarocken Hofarchitekten Kaiser Wilhelms II. Oft fragt man sich, ob bei diesem umbauten Raum überhaupt irgendein künstlerischer Ehrgeiz geherrscht hat. Er gleicht auffällig vielen Büro- und Veranstaltungsbauten der 1980er-Jahre: gerade Pfeilerreihen, kantige Raumformate, Edelbetonplatten an den Fassaden. Gnadenlos glatt ist die Wand hin zum Schlüterhof, kalt-rationalistisch die Rasterfassade hin zur Spree. Selbst Gegner der Nachbauidee stehen davor und murmeln: Wie gut, dass die Hauptfassaden nach den Plänen Andreas Schlüters gebaut werden.

Auch das „Schlossforum“ zwischen Portal II und Portal IV, eine städtebaulich brillante Idee, die die Verbindung zwischen Lustgarten und Breite Straße möglich macht, ist nach aktuellem Stand des Rohbaus kaum mehr als ein enger Korridorhof. Keine Spur von der Eleganz, die die Uffizien in Florenz, das Vorbild der Anlage, auszeichnet. Aber vielleicht werden die Rundpfeiler vor den Fassaden noch für Lockerheit sorgen.

Auch sonst fällt im „Schloss“ die räumliche Enge auf. Selbst die Haupttreppenhäuser sind gerade mal so breit, dass man gut aneinander vorbeikommt. Nichts hier ist schlossartig ausschweifend oder wenigstens wie in den Dahlemer Museen modernistisch weiträumig. Dabei sind im Rohbau noch gar nicht die Fenster um der barocken Rahmungen willen verengt und die Fußböden und Klimadecken eingezogen worden.

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Und noch etwas enthüllt der Rohbau gnadenlos: Die Raumstruktur des Humboldt-Forums ist ein Desaster. Die Museen und Bibliotheken haben zu enge, zu niedrige oder aber zu hohe Räume. Ihre Verteilung führt zu aberwitzigen Verzwickungen: Die doppelgeschossigen Säle für die legendäre Boots- und Häuser-Sammlung aus dem Pazifik sind nicht nur zu klein, sie sind auch nicht direkt eingebunden in die Ausstellungen. Man kann sie nur über Galerien vom zweiten Obergeschoss aus erreichen. Wortwörtlich ein schlechter Treppenwitz der Museumskultur.

Sparen an der falschen Stelle

Aber gerade hier ist dank der Entscheidung des Senats, die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) nicht in das Schloss einziehen zu lassen, eine Alternative in Sicht. Berlins geplante Selbstfeier – wenn sie denn überhaupt sein muss – aber kann ihren Platz gar nicht sinnvoll füllen. Und nur der ZLB wegen sollte nämlich bisher auch die Ethnologische Bibliothek in das Hauptgeschoss einziehen. Die Staatlichen Museen, der Senat und der Bauherr, die Schloss-Stiftung, sollten also die Konsequenz aus dem Rückzug der ZLB ziehen: Die Bücher und Büros der Ethnologen gehören ins niedrige dritte Obergeschoss, der von ihnen und der größte Teil des von der ZLB beanspruchte Platz im hohen Hauptgeschoss muss für die Museumsausstellungen frei gemacht werden.

Sicher, diese Umplanung würde etliche Millionen kosten. Aber sie wären gut investiert. Bisher war die Strategie des Schlossbauchefs, Manfred Rettig, keinerlei Umplanungen zuzulassen. Das ist nachvollziehbar. Doch jetzt nicht umzuplanen, hieße, den viel teureren Umbau in zehn, fünfzehn Jahren herauszufordern. Genau den nämlich werden künftige Museumsdirektoren erzwingen müssen, wenn sie dem Humboldt-Forum eine sinnvolle Struktur geben wollen.

Man kann auch an der falschen Stelle sparen. Und wenn die Politiker die Kostensteigerungen ablehnen? Bisher kostet das Humboldt-Forum nicht einmal so viel wie zwei Welt-Politiker-Treffen in den schönen bayrischen Alpen. Dabei wird es viel mehr Menschen erreichen.