Abstandsregeln sehen anders aus als hier auf dem Landwehrkanal.
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Hunderte Schlauchboote auf dem Landwehrkanal in Kreuzberg, strahlender Sonnenschein, unzählige Schaulustige an den Ufern. Die bunte Protestaktion gegen das Sterben der Berliner Club- und Ravekultur wurde am Pfingstwochenende zur Massenparty – ohne Mindestabstand, und zumeist auch ohne Mundschutz. Die Polizei griff am Ende ein, und schon warnt die Senatsinnenverwaltung davor, die lange ersehnten Corona-Lockerungen aufs Spiel zu setzen. Und auch nach Einschätzung von Melanie Brinkmann, Infektionsforscherin am Braunschweiger Helmholtz-Institut, sendet die Party ein falsches, ein gefährliches Signal aus: das Signal, Corona sei schon überstanden.

Nachdem der rot-rot-grüne Senat vergangenen Donnerstag alle Teilnehmerbeschränkungen für Demonstrationen aufgehoben hatte, wurde auf der Facebook-Seite „Rebellion der Träumer“ für Sonntag zu der Wasserdemo aufgerufen. Dahinter steckten nach Angaben der Clubcommission einzelne Akteure aus der Clubszene. Unter anderem sollte für eine „finanzielle Gleichstellung von solo-selbstständigen Künstlern mit Kurzarbeitenden, solange das Konzertverbot besteht“ demonstriert werden. Außerdem bräuchten nichtstaatliche Kulturinstitutionen wie Clubs und Festivals finanzielle Unterstützung. Diese Hilfe könnten zum Beispiel aus der Wirtschaft kommen. „Wir fordern eine offene Debatte darüber, wie Vermögende von Amazon bis Immobilienwirtschaft an den Kosten der Krise beteiligt werden können“, heißt es in einer Stellungnahme.

In ihrer Ankündigung baten die Organisatoren um die Einhaltung der Regeln. „Wir möchten euch unbedingt darum bitten, Gesichtsbedeckungen mitzunehmen, Abstand zueinander zu halten und in jedem Boot maximal Mitglieder von zwei Haus- und Knutschgemeinschaften an Bord zu nehmen! Bitte geht respektvoll miteinander um und lasst allen Leuten ihren Space!“ Das hat nicht funktioniert.

„Keine der organisierenden Personen hat mit dieser Größenordnung gerechnet“, heißt es in einer Stellungnahme der Veranstalter, einem nach eigener Darstellung ebenso losen wie breiten Bündnis verschiedener Initiativen und Clubs. Man habe „auf diversen Wegen sein Bestes gegeben, die Demo so sicher wie unter diesen Umständen möglich“ zu gestalten.

Laut Polizei fuhren die Boote von Alt-Treptow nach Kreuzberg, in Begleitung zweier Schiffe der Wasserschutzpolizei. Auf dem Weg hätten sich immer wieder Boote angeschlossen. „Im weiteren Verlauf wuchs die Zahl zunächst auf über 100 an, sodass der Verkehr von Fahrgastschiffen auf dem Landwehrkanal zwischen der Unter- und Oberschleuse eingestellt werden musste“, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. Gegen 15.50 Uhr seien bis zu 400 Boote beteiligt gewesen. Rund 1500 Menschen hätten teilgenommen.

„Der Veranstalter forderte die Teilnehmer mehrmals auf, die Abstände einzuhalten“, heißt es weiter. „Aufgrund der nicht eingehaltenen Abstände und von Beschwerden über zu laute Musik beendete der Anmelder nach einem Gespräch mit der Polizei seine Versammlung gegen 17.35 Uhr.“ Die Einsatzkräfte baten daraufhin die Bootsführer, keine Musik mehr zu spielen und forderten die Besucher am Ufer auf, die Abstände einzuhalten. Die Boote wurden durch die Wasserschutzpolizei zurück zum Startpunkt im Treptower Hafen geleitet. Erst gegen 21 Uhr herrschte wieder Ruhe.

Die Innenverwaltung bewertet die fröhliche Party-Demo kritisch. „Wir appellieren daran, das Bewusstsein für die aktuelle Situation nicht zu verlieren“, sagte ein Sprecher gegenüber der Berliner Zeitung. „Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat.“ Viele seien bei der Protestaktion zu achtlos und unbedacht gewesen – deshalb habe die Polizei eingreifen müssen.

Die Gefahr, dass es zu einer massenhaften Ansteckung, dem sogenannten Superspreading, gekommen ist, schätzt die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung in Braunschweig bei Freiluftpartys grundsätzlich als gering ein. Zumindest mit Blick auf die gefürchteten kleinsten Partikel, die Aerosole, über die Infizierte beim Sprechen und Husten Viren in die Luft abgeben. „Die Wolken verdünnen sich an der frischen Luft, und wenn dazu noch Wind weht, sind sie schnell zerstoben“, sagt die Expertin. „Allerdings steigt die Gefahr, je näher man sich kommt.“ Bei vollen Partys, bei denen sich die Teilnehmer dicht an dicht bewegen, bestehe aber selbst im Freien immer eine erhöhte Gefahr durch Tröpfchen, die insbesondere bei lautem Reden und Singen ausgestoßen werden und über die Viren von Gesicht zu Gesicht weitergegeben werden. „Um diesen Ansteckungsweg zu verhindern, wäre ein Mund-Nasen-Schutz wichtig gewesen“, sagt Brinkmann. Aber der stört natürlich beim Feiern.

Dieses Amateurvideo auf Youtube zeigt die teilweise voll besetzten Schlauchboote.

Video: Youtube