Informationstafel zum geplanten neuen Potsdamer Stadtteil Krampnitz an einer Straße nahe des Kasernenareals.
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PotsdamEs klingt nach Superlativ: Da, wo die ehemalige Heeresreitschule im Norden Potsdams brachliegt, soll bis etwa 2038 ein neuer Stadtteil für rund 10.000 Menschen entstehen. Das ehemalige Kasernengelände am Rande des Krampnitzsees und der Döberitzer Heide soll dringend benötigten Wohnbedarf in die Region bringen – bis zu knapp 5000 Wohnungen sind geplant. 82 denkmalgeschützte Gebäude wie ein Offizierskasino sollen in das neue Quartier integriert werden, die ersten Bewohner 2024 einziehen. Doch der Stadtteil muss auch an den Verkehr angebunden werden, was zu Kritik führt.

„Viele Leute kommen nach Potsdam, weil es hier Arbeit gibt“, sagt der Geschäftsführer der städtischen Entwicklungsgesellschaft Pro Potsdam, Bert Nicke. Gleichzeitig seien die möglichen Flächen für Wohnungsbau beschränkt, deshalb berge die Umwandlung früherer Militärflächen wie schon das Bornstedter Feld große Chancen für die Stadt, sagt Nicke. Auf dem ehemaligen Kasernenareal in Krampnitz soll nach seinen Worten ein modernes, attraktives Stadtquartier entstehen, in dem 20 Prozent der Wohnungen gefördert sind und auch genossenschaftliches Wohnen verankert werden soll.

„Wir haben dafür das unentwickelte Kasernenareal mit einem niedrigen Wert vom Land erworben“, sagt der Geschäftsführer. Die entstehenden Kosten für Gebäudeabriss, Altlastensanierung, Erschließung und Bau sozialer Infrastruktur wie Schulen und Kitas schätzt er auf mehr als 300 Millionen Euro. Sie sollen über den Verkauf der Grundstücke finanziert werden. Um den Autoverkehr zu entlasten, will Potsdam die Straßenbahn, die bisher bis zum Campus Jungfernsee fährt, über Krampnitz bis zum Stadtteil Fahrland verlängern. Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hatte allerdings den Zeitplan der Tram von 2025 auf 2028 nach hinten geschoben. Bis 20. September können sich Bürger online zu den Plänen für die Tram nach Krampnitz äußern.

Grafik: BLZ/Hecher

Die Bürger_innen-Initiative im benachbarten Stadtteil Fahrland kritisierte im Juli, die Verkehrserschließung sei noch ungesichert und die Verkehrsanalyse beruhe auf überholten Zahlen. Sie befürchtet Probleme mit Wartezeiten und Rückstau. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Brandenburg kritisiert geplante Eingriffe in den Waldbestand und rechnet ebenfalls mit mehr Verkehr. Wegen der Ausweisung der Wohngebiete sei mit erhöhtem Verkehrsaufkommen zu rechnen, dem die bisherige Infrastruktur an der Bundesstraße 2 nicht gewachsen sei.

Der Chef der städtischen Entwicklungsgesellschaft sagt: „Natürlich ist die Sorge der Anlieger an den Einfallstraßen groß.“ Nicke verweist auf Chancen: „Ohne Krampnitz würde Potsdam aber niemals die Straßenbahn in den Norden verlängern. Das ist aus meiner Sicht eine Riesenchance, dass Krampnitz zum Versorgungszentrum im Potsdamer Norden wird. Damit würde nicht zuletzt auch die B2 entlastet.“

Krampnitz ist längst nicht das einzige große Wohngebiet, das in Deutschland in Planung oder schon im Bau ist. In Berlin soll bis 2030 nach Angaben der Stadt unter anderem die Siemensstadt 2.0 entstehen – mit 3000 Wohnungen. In Frankfurt am Main wird die ehemalige Bürostadt Niederrad zum Lyoner Quartier mit Wohngebäuden umgewandelt, geplant sind bis zu 4000 Wohnungen für rund 10.000 Menschen. München baut in Freiham einen neuen Stadtteil, in dem mehr als 25.000 Menschen leben und fast 15.000 arbeiten sollen. In Mannheim entsteht in einer früheren US-Wohnsiedlung der neue Stadtteil Franklin – bis 2025 sollen rund 9000 Menschen dort wenige Kilometer nahe der Innenstadt Platz finden.

„Insgesamt reicht der Wohnungsneubau in Deutschland immer noch nicht aus“, sagt Andreas Schichel, Sprecher der Wohnungswirtschaft in Deutschland. Während 320.000 neue Wohnungen pro Jahr gebraucht würden, wurden 2019 insgesamt 293.000 neue Wohnungen fertig. Bei Mietwohnungen seien statt benötigter 140.000 preisgünstiger Wohnungen weniger als 78 .000 fertiggestellt worden. Und nur 25.600 neue Sozialwohnungen seien im vergangenen Jahr gebaut worden. Die Gründe dafür sind aus Sicht der Wirtschaft „langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren, zu wenig und zu teures Bauland, steigende Baukosten und zu geringe Baukapazitäten“.

In Potsdam-Krampnitz ist der Baustart für die erste Grundschule mit Hort und Kita im ersten Halbjahr 2021 vorgesehen. „Investoren werden wir dann zunächst für die denkmalgeschützten Gebäude suchen, da sich deren Zustand durch den fortschreitenden Verfall immer weiter verschlechtert“, sagt Pro-Potsdam-Geschäftsführer Nicke.