Neulich bin ich mal wieder „nach Berlin“ gefahren, wie der alte Köpenicker sagt – also mit der S-Bahn in die Innenstadt. Ich muss sagen: Als einst die Idee aufgekommen war, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen, da gehörte ich zu den höhnisch Prustenden: „Pah, der olle barocke Schinken! Kaiser-Nostalgie! Was wollen wir denn damit?“

Doch als ich das Ding jetzt mal ausgiebig von vorne betrachtete, staunte ich, dass es sich doch organischer in die Landschaft einfügt, als ich einst dachte. Klar, es ist Kulissenkitsch, aber zugleich auch ein großartiger Blickfang. Ich habe es getestet, aus verschiedenen Richtungen. Die glänzende Kupferkuppel passt gut ins Ensemble mit Domkuppeln und Fernsehturm. Ich spüre sogar Anflüge von Begeisterung. Exorzisten, bitte einschreiten!

Vor allem: Das riesige Loch in der Mitte der Stadt ist endgültig weg. Das ist mir jetzt erst so richtig klar geworden. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich hier einst mein Vater auf den Schultern trug. Viele Leute standen auf der endlosen Fläche, die sich Marx-Engels-Platz nannte. Scheinwerfer fingerten in den Himmel. Plötzlich knallte es. Verkleidete Menschen mit roten Armbinden und Gewehren stürmten über den Platz.

Es war im November 1968. Die DDR-Hauptstadt beging den 50. Jahrestag der Novemberrevolution mit einer Art historischem Reenactment. Vor meinen Augen spielte sich der Kampf zwischen Revolution und Reaktion ab, wenn auch zum Glück nicht „in echt“. Ich war sechs Jahre alt und natürlich fasziniert. Die düstere, vom Krieg kaputte Kulisse mit Domruine und Marstall passte hervorragend dazu.

Berliner Zeitung/Torsten Harmsen
Das alt-neue Berliner Schloss als Kulisse hinter den Denkmälern am Schinkelplatz

Wenn aber nicht gerade Revolutionsspiele, Paraden und Kundgebungen stattfanden, war der Marx-Engels-Platz ein erstklassiger Ort, um sich eine Agoraphobie zuzulegen, sprich: Platzangst. So leer, so riesig, so kahl. Na gut, der Weihnachtsmarkt fand auch viele Jahre dort statt. Bis dann 1976 der Palast der Republik gebaut wurde und einen Teil des Platzes einnahm.

Der Palast faszinierte mich vor allem deshalb, weil ich damals Fan der Titanic war. Für mich war der Palast ein riesiges Schiff, hell erleuchtet, mit mehreren Decks, auf denen man sich totlaufen konnte. Während ich mit den Eltern herumtrottete und mir die Bilder ansah, stellte ich mir vor, wie das Monstrum ablegte und langsam losfuhr, immer die Spree hinunter. Nur die Schornsteine fehlten.

1989 lief ich wieder über den Platz, während der Demo für Meinungs- und Pressefreiheit am 4. November. In meinem Tagebuch steht: „Vor dem Staatsratsgebäude stellten einige Schauspieler auf einer Tribüne die winkenden, tatterigen, Kinder knuddelnden Politbüromitglieder dar. Die Lach-Stürme waren grenzenlos. Mir taten die Wangen weh.“

Nun ist alles fort. Auf dem Platz steht ein Bau, mit dem 1989 wohl niemand gerechnet hätte. Aber im Grunde passt er von der Zeit her viel besser zu meinen Titanic-Phantasien von einst. Katastrophenvisionen sind ja gerade recht aktuell. Alle Mann an Deck! Rette sich, wer kann!