Seit Monaten diskutiert Berlin über die Rigaer Straße. Darüber, ob die Polizei zu Recht im Januar mit 500 Beamten das Haus stürmte. Ob die Menschen, die dort leben, nun Linke, Autonome, Extremisten, Hausbesetzer oder die "Krawallmacher" hinter der „linken Gewaltorgie“ in Friedrichshain sind, wie Innensenator Frank Henkel (CDU) die "Kiez-Demo gegen Verdrängung" vom Sonnabend bezeichnete.

Ist die Rigaer 94 ein "Rückzugsraum für Gewalttäter", so Henkel, oder doch eher ein Wohnprojekt, eine Kommune oder ein besetztes Haus? Die Bewohnerstruktur ist unübersichtlich, die Liste der Bezeichnungen für das Haus lang. Alles begann mit einer Hausbesetzung im Jahr 1990, soviel steht fest. Doch was heißt das für die aktuelle Situation? Gibt es in Berlin überhaupt noch besetzte Häuser, wie sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren für Aufsehen sorgten?

Einen Indikator dafür liefert der interaktive Stadtplan des Medienkollektivs Pappsatt. Die Karte zeigt nach Jahren geordnet besetzte Häuser in Berlin an. Im Jahr 2015 sind noch rund hundert Orte verzeichnet, sie ballen sich unter anderem in Kreuzberg 36, um die Rigaer Straße in Friedrichshain und im südlichen Prenzlauer Berg.

Doch der Stadtplan zeigt eher eine Retrospektive auf die Besetzerszene. Er veranschaulicht, wie in den Achtzigerjahren über 200 neue Hausbesetzungen im Westen Berlins aufploppen. Damals, als aus Punks, Frauenrechtlerinnen, Atomkraftgegnern und Öko-Engagierten die neue Hausbesetzerkultur entwuchs, die die Wohnungspolitik der Regierung anprangerte und leerstehende Wohnungen kurzerhand für sich in Anspruch nahm.

"Juristisch gesehen gibt es heute aber schon seit Jahren überhaupt keine besetzten Häuser mehr in Berlin", erklärt Andrej Holm. Der 45-Jährige ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt Universität. Er forscht zum Thema Stadtsoziologie und engagiert sich gegen Gentrifizierung. "Die Bewohner der etwa hundert Häuser, die in der Karte heute verzeichnet sind, haben alle Mietverträge - und sind damit keine Hausbesetzer mehr. Das umfasst auch die Menschen in der Rigaer Straße."

Der Osten wird besetzt

Holm war in den Neunzigern selbst in der Hausbesetzerbewegung aktiv, er erinnert sich gut daran, wie viele dieser Verträge zustande gekommen sind. Nach dem Zusammenbruch der DDR durchzog eine zweite Besetzungswelle die Stadt, diesmal war der ehemalige Ostteil betroffen. Ganze Wohnblöcke standen damals kurz vor dem Abriss, vor allem Studenten und Jugendliche aus dem Westen besetzten sie. Weit über 120 leerstehende Altbauten erhielten so vorrübergehend neue Bewohner.

Im Herbst 1990 kam es jedoch zu schweren Straßenschlachten, als die Polizei mit 3000 Beamten Häuser in der Mainzer Straße in Friedrichshain räumte. Die in den Achtzigern verordnete Politik der "Berliner Linie" sah vor, keine neuen Hausbesetzungen mehr zu dulden. Der rot-grüne Senat unter Bürgermeister Walter Momper zerbrach an den tagelangen Ausschreitungen in der Mainzer Straße.

"Danach waren sich alle Seiten einig, dass eine Lösung her muss. An Runden Tischen nahmen Stadträte oder Bezirksverordnete zusammen mit Besetzern und Wohnungsbaugesellschaften Platz", schildert Holm. "Eilig schlossen die Parteien Mietverträge, die Häuser wurden so legalisiert." Manche Häuser wurden auch von Genossenschaften oder Stiftungen gekauft, wieder andere geräumt. 1997 waren nur noch rund fünf besetzte Häuser geblieben.

Fragt man heute bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an, wann das letzte besetzte Haus in Berlin verschwand, lautet die Antwort: "Vor fünf Jahren." Damit dürfte das Haus in der Liebigstraße 14 in Friedrichshain gemeint sein, das 2500 Polizisten im Februar 2011 unter Protesten und Ausschreitungen räumten. Zwar war auch dieses Wohnprojekt durch Mietverträge in den Neunzigerjahren legalisiert worden, doch ein neuer Besitzer fand darin eine juristische Unsauberheit und ließ die Räumung veranlassen.

Wechselvolle Geschichte

"Ein neuer Besitzer und ein Schlupfloch im Vertrag verursachten auch die Räumung der Brunnenstraße im Jahr 2009", sagt Holm. "In der Kastanienallee wird aktuell, glaube ich, um einen Kellerraum gestritten." Anderswo sieht Holm positive Beispiele für gute Nachbarschaft und Einigungen mit Vermietern, zum Beispiel das Kunsthaus Kule in der Auguststraße in Mitte.

Die Hausbesetzerprojekte in Berlin sind vielfältig, genauso das, was in den letzten Jahrzehnten daraus entwachsen ist - das verdeutlicht ein Blick zurück auf den interaktiven Stadtplan. Hier ballt sich Stadtgeschichte in Form von kleinen aufploppenden und wieder verschwindenen Häuschen-Symbolen. Die Häuschen erzählen eine wechselvolle Geschichte - die es fordert, beim Erzählen immer differenziert betrachtet zu werden.