Berlin - So richtig versteht der Bauarbeiter in der Rigaer Straße an diesem Mittwoch selbst nicht, was er hier gerade tut. Er steht dort und streicht den flüssigen Asphalt auf dem Bürgersteig glatt. „Wenn einer Steine werfen will, pult er sie halt zehn Meter weiter aus dem Boden“, sagt der Mann in der orangefarbenen Latzhose. Sein Job ist es heute, die faustgroßen Pflastersteine im Gehweg zu entfernen und durch Asphalt zu ersetzen.

Wo keine Steine sind, können Linksradikale keine Steine mehr werfen, so der Gedanke dahinter. Dass das Pflastermosaik aber nur einige Schritte weiter von neuem beginnt, lässt die Maßnahme für viele Anwohner nach Aktionismus riechen: Hauptsache, der Bezirk zeige, dass sich überhaupt etwas tut – Sinnhaftigkeit hin oder her.

An allen vier Ecken der Kreuzung zwischen Rigaer Straße und Liebigstraße sollen die Bauarbeiter noch in den kommenden Tagen das Pflaster ersetzen. Die Bewohner des linken Wohnprojekts in der Rigaer Straße 94 nennen die Kreuzung ihren „Dorfplatz“. Ihre Adresse ist in der linksradikalen Szene europaweit bekannt, die Gegend ist ein Anziehungspunkt für Krawalltouristen.

Bis zur Hausnummer 94 reicht das Asphaltband nicht, es ragt nur etwa zehn Meter in die Rigaer Straße hinein. Entfernt man sich weiter von der Baustelle, klaffen an mehreren Stellen Lücken im Steinmosaik. Hier bedienten sich Unbekannte an potenziellen Wurfgeschossen.

Angst vor Angriffen und Pöbeleien

Zuletzt in der Nacht zu Samstag. Vermummte warfen in der Rigaer Straße Flaschen und Steine, Autos und ein Toilettenhäuschen gingen in Flammen auf. Die Krawalle waren der Auslöser für die Baumaßnahme, sagt Michael Pohl. Er ist der stellvertretende Leiter der für die Straße zuständigen Polizei-Dienstgruppe. Am Mittwoch schützt er mit einer Handvoll Kollegen die Bauarbeiter. Die fühlen sich zwar nicht bedroht, sagen sie, aber offenbar kursiert Angst vor Angriffen oder Pöbeleien.

Polizei und Bezirk hätten sich am Samstag über die Baumaßnahme verständigt, sagt Pohl. „Das Bild am Morgen war nicht schön: Fünf Fahrzeuge waren ausgebrannt, lose Steine lagen noch herum.“ Man habe dem Grünflächenamt empfohlen, die Löcher im Pflastermosaik schnell zu füllen, denn „fehlen einmal Steine, sind weitere Klötze viel leichter rauszunehmen“, so Pohl.

"Akute Gefahrenlage"

In Rücksprache mit Florian Schmidt, dem grünen Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, habe man umgehend die Schritte veranlasst, heißt es beim Grünflächenamt. „Es lag eine akute Gefahrenlage vor, denn es gab groß ’Löcher’ im Gehweg“, erklärt Leiter Axel Koller. Auch eine mögliche Gefährdung für Fußgänger spielte also bei dem eiligen Entschluss eine Rolle.

Nach Einschätzung von Polizist Pohl kann die Maßnahme durchaus spontanen Gewaltausbrüchen vorbeugen – auch, wenn der Asphalt vorerst nur rund um die Kreuzung verlegt wird. „Die Chaoten verabreden sich ja nicht mit Tag und Uhrzeit zum Steinewerfen“, sagt Pohl. „Sondern sie sitzen am Dorfplatz, trinken. Die Gewalt bricht nicht selten spontan aus.“ Wenigstens in direkter Nähe seien dann keine lockeren Steine griffbereit.

Eins steht für viele Anwohner jedenfalls fest: Ein paar Ladungen Asphalt allein werden die Probleme der Rigaer Straße nicht lösen.