Rio Reiser
Foto: imago images/Brigani-Art

BerlinAm 20. September 2017 beschäftigten sich die Bezirksverordneten in Friedrichshain-Kreuzberg zum ersten Mal mit dieser Sache, und am 27. November 2019 kurz vor 22 Uhr beschlossen sie dann, dass Rio Reiser – der Sänger der legendären Anarcho-Band „Ton Steine Scherben“ – in Kreuzberg eine eigenen Platz bekommt. Besser gesagt: Der bisherige Heinrichplatz wird nach dem verstorbener Sänger benannt.

Das haben die Verordneten am Donnerstag beschlossen: 27 Abgeordnete stimmt dafür, acht waren dagegen, zwölf enthielten sich. CDU und AfD sagten Nein, Linke, SPD und die Hälfte der Grünen sagten Ja.

Im Beschluss heißt es nun: „Das Bezirksamt wird beauftragt, die hierzu notwendigen Schritte zeitnah einzuleiten und damit den Vollzug der (Um-)Benennung im Rahmen der zum 70. Geburtstag Rio Reisers und dem 50. Jahrestag der Gründung der Band Ton Steine Scherben geplanten Feierlichkeiten im September 2020 zu ermöglichen.“

Gegen die Frauen-Quote

Reiser, geboren 1950 in West-Berlin, ist seit 1996 tot. Er war Musiker, Anarchist, Schauspieler und Idol der Hausbesetzerszene. Er war ein großer Zweifler, ein Mann mit einer markanten Stimme, der noch heute als einer der besten linken Rocktexter im deutschsprachigen Raum gilt – kurz: der „König von Deutschland“, wie sein größter Hit heißt.

Die Umbenennung ist für diesen Bezirk durchaus ungewöhnlich. Denn die von den Grünen dominierte Bezirksverordnetenversammlung hat 2005 beschlossen, dass Straßen und Plätzen so lange nach Frauen benannt werden, bis mindestens die Hälfte Frauennamen tragen. Derzeit ist das Verhältnis 9:1.

So scheiterte 2013 die Idee, einen Platz am Jüdischen Museum nach Moses Mendelssohn zu benennen, den berühmten jüdischen Philosophen und Wegbereiter der Aufklärung. Als Kompromiss wurde der Name der Eheleute gewählt: Fromet-und-Moses-Mendelssohn.

Aber es gab auch Ausnahmen bei der Straßennamen-Quote: Als im April 2008 ein Teil der Kochstraße neben dem Axel-Springer-Verlag in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt wurde. Sowie bei der Umbenennung der Gabelsbergerstraße in Friedrichshain – nahe der Rigaer Straße – nach dem ermordeten Hausbesetzer Silvio Meier im April 2013.

Bei Rio Reiser teilte das Bezirksamt bereits im vergangenen Herbst mit, dass eine Ausnahme möglich sei. Die Begründung: Rio Reiser war nicht nur politisch aktiv, sondern stand offen zu seiner Homosexualität. Und das zu einer Zeit, als der Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs – der sogenannte Schwulenparagraf – „noch Teil der bundesdeutschen Gesetzgebung war und das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität gesellschaftlich weitgehend geächtet wurde“.

Nach einem Prinzen benannt

Diese Sicht teilten am Mittwoch in der Debatte auch die Befürworter. Vor allem um diese Quoten-Frage wurde heftig gestritten. Grünen-Abgeordnete Sarah Jermutus sagte am Donnerstag, dass sich knapp die Hälfte der Grünen wohl wegen des Frauen-Beschlusses enthalten hätten. „Eine Ablehnung des Antrags hätte zu sehr nach einer Ablehnung von Rio Reiser ausgesehen.“

Während der Debatte kam es auch immer wieder zu Zwischenrufen aus dem Publikum. Die kamen interessanterweise von Leuten aus der linksalternativen Szene. Sie wandten sich lautstark dagegen. Ihre Befürchtung: Der neue Name locke noch mehr Touristen in die Gegend. Irgendwann wurden die Störer so laut, dass sie kurz vor der Abstimmung des Saales verwiesen wurden.

Der Heinrichplatz ist ein zentraler Platz in jenem Teil von Kreuzberg, der SO36 genannt wird. Der Platz wurde 1849 nach Prinz Heinrich von Preußen benannt, dem Bruder des Königs Friedrich Wilhelm III. Der Platz war nach 1990 ein zentraler Ort der alljährlichen Ausschreitungen am 1. Mai und später des Myfestes.

Ursprünglich wollten die Linken den Nordteil des Mariannenplatzes nach Reiser benennen, wegen des „Rauchhaus-Song“, der von einer Hausbesetzung erzählt. Der Song beginnt mit: „Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da.“