Es gibt Straßennamen auf dieser Welt, die sind derart wohlklingend, dass man sofort den Rucksack schnüren und loslaufen will. Vor allem, weil diese Straßen auch das halten, was ihr Name verspricht. Die Great Ocean Road in Australien zum Beispiel schmiegt sich tatsächlich an die zerklüfteten Meeresklippen entlang des wilden und windgepeitschten Ozeans. Und die Avenue des Champs Élysées in Paris hat nicht nur einen heroischen Klang, sie ist auch tatsächlich eine Prachtstraße mit fantastischen Sichtachsen, die dem Flaneur ein erhabenes Gefühl bescheren.

Und in Berlin? Nun, da sollte man sich auf die Straßennamen lieber nicht verlassen. Nicht jede Allee ist von großen Bäumen bestanden, und nur weil Sie eine Promenade entlanggehen, können Sie noch lange keine Eins-a-Flanierqualitäten oder interessanten Blickbeziehungen erwarten. Bei einigen Hauptstadttrassen ist der Schwindel besonders dreist – ein klarer Fall für unsere „Abrissbirne Berlin“.


Unter den Linden: ohne Schutz und Schatten

Es ist noch gar nicht lange her, da war ich mit meinen Eltern Unter den Linden unterwegs. Also auf der Straße „Unter den Linden“, nicht unter irgendwelchen schönen Bäumen, denn die gibt es dort ja kaum noch. Meine Eltern waren auf Berlinbesuch, es war ein schöner Sonnentag – bis sich die Wolken auftaten und ein Regenschauer sturzflutartig auf uns niederging. Da hab ich mir gedacht: Mensch, was wäre das schön, wenn wir irgendwo Schutz suchen könnten auf dieser breiten, kahlen Nicht-Allee. Unter einem großen Baum zum Beispiel, idealerweise unter einer Linde.

Imago/Jürgen Ritter
Viel Verkehr, zu wenig Grün: Berlins vermeintlicher Prachtboulevard wird von Autos und Baustellen beherrscht. Für die Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 fielen etliche Bäume der Kettensäge zum Opfer.

Das würde der Straße, nebenbei bemerkt, auch optisch nicht schlecht stehen. Denn eigentlich haben sich die rund 1,5 Kilometer zwischen Museumsinsel und Brandenburger Tor in den vergangenen Jahren ja durchaus gemacht – man könnte fast von einer Prachtstraße Pariser Qualität sprechen. Die Sanierungen von Staatsbibliothek und Staatsoper sind weitgehend abgeschlossen, die hässlichen Baustellen auf der rund 60 Meter breiten Straße verschwunden, Kronprinzenpalais und Humboldt-Uni strahlen sowieso schon lange um die Wette. Was der Straße jetzt fehlt, wäre: ein bisschen Grün, das den Namen „Unter den Linden“ wieder rechtfertigen würde.

In ihrer Geschichte hieß die Straße übrigens mal Lindenstraße (1723-1734) und mal Lindenallee (1690-1723), und davor überhaupt ganz anders. 1647 wurde sie auf Geheiß von Kurfürst Friedrich Wilhelm hin befestigt und mit Bäumen bepflanzt – den schönen großen Linden eben. Dass es davon im Jahr 2022 kaum noch welche gibt, hat mit dem ÖPNV-Ausbau zu tun. Zuletzt wurden im Jahr 2012 ganze 54 himmelhohe Exemplare gefällt, um sodann ein großes U-Bahn-Kreuz zu bauen, durch das nunmehr die U6 und die verlängerte U5 rauschen. Und wie heißt der neulich erst eröffnete Bahnhof zynischer Weise? Genau: „Unter den Linden“. Manuel Almeida Vergara


Prenzlauer Promenade: Tristesse im Berliner Norden

Eine Promenade, darunter versteht man gemeinhin einen besonders angelegten, breiten, gepflegten Spazierweg. Die Prenzlauer Promenade ist zwar breit, das war es dann aber auch schon mit ihrem promenadigen Charakter. Weder ist sie gepflegt, noch besonders angelegt, noch möchte man auf ihr spazieren gehen. Es sei denn, man steht aufs Flanieren zwischen Abgasschleudern und stadtauswärts brausenden Berlin-Verlassern.

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Bloß von hier weg, so weit wie möglich: Gleich wird die Prenzlauer Promenade zur Autobahn.

Fußgänger verirren sich nur selten auf diese drei Kilometer lange Ein- und Ausfallstraße, die die Verlängerung der Prenzlauer Allee in Pankow bildet. Es ist schon irgendwie witzig und vielleicht auch typischer Berliner Humor, dass der Namenswechsel der Straße eben an jener Ecke erfolgt, an der sie alles Spaziermeilenhafte verliert. An der Weißenseer Spitze, wo die Allee zur Promenade wird, könnte man ja tatsächlich noch flanieren, in der Brotfabrik eine Ausstellung anschauen, das ehemalige Kino Delphi besuchen, gegenüber bei Mitte Meer Pasta, Tapas und Fisch kaufen. Klar, die Kreuzung ist ein Abtörner, aber es gibt hier immerhin noch ein Leben abseits der Hauptverkehrsader.

Das ändert sich schlagartig im weiteren Verlauf des früheren Fernhandelsweges nach Prenzlau. Die Flanierqualität sinkt auf Null, von interessanten Blickbeziehungen kann keine Rede sein. Jetzt kommen nur noch die Jet-Tankstelle, ein paar Autohändler und Fast-Food-Ketten, bevor es auf die Autobahn geht. Kurz vor Beginn der A 114 erinnert am S-Bahnhof Heinersdorf der verfallene alte Rundlokschuppen daran, wie diese Stadt mit ihren Industriedenkmälern umgeht. Und auf der anderen Seite türmt sich ein letzter Berliner Plattenbau gen Himmel auf. Nach so viel Tristesse hilft nur noch der Gedanke, dass man sich nun auf dem Weg an die Ostsee befindet. Hoffentlich! Anne Vorbringer


Sonnenallee: zwischen Braunau und Bagdad

Selbst den Film „Sonnenallee“ hab ich immer schon gehasst. Was natürlich zu einem großen Teil daran liegt, dass Robert Stadlober eine der Hauptrollen spielt. Nun kann ja die echte Sonnenallee nichts dafür – weder für den Film, noch für seine hochgradig provokante Besetzung. Und trotzdem: Die Sonnenallee und ich sind nie richtig warm geworden. Karl-Marx-Allee? Kann ich mit leben. Hermannstraße? Hab ich sogar einige Jahre mal gewohnt. Aber Sonnenallee? Kann ich so gar nichts mit anfangen.

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Sommer, Sonne, Sonnenschein: Die Sonnenallee, hier an der Ecke zur Tellstraße, versprüht kaum Urlaubsfeeling.

Es ist eine dunkle, düstere Straße, rechts und links von heruntergekommenen Hausfassaden flankiert. Und der schmale Himmelsstreifen, der noch bleibt, wird von den Rauchschwaden vernebelt, die aus dubiosen Männercafés und seltsamen Shisha-Bars nach draußen ziehen. Will sagen: Selbst wenn auch auf die Sonnenallee gelegentlich die Sonne scheint, kriegt man davon kaum etwas mit – zumindest auf dem vorderen Teil der Straße, der zum Hermannplatz hin. Nach hinten raus wird die Sonnenallee durchaus lichter, großzügig und grün, mit einer Überquerung über den Schifffahrtskanal. Aber so weit kommt man ja nur selten.

Die Sonnenallee, die diesen Namen 1920 bekommen hatte, hieß zwischendurch übrigens mal anders: Am 11. Mai 1935 wurde sie zwischenzeitlich zur Braunauer Straße – nach Braunau am Inn, der Geburtsstadt Adolf Hitlers. 1947 wurde sie dann wieder in Sonnenallee umbenannt, was dann tatsächlich irgendwie besser ist. Manuel Almeida Vergara


Ostseestraße: kein Wasser, nirgends

Ihr Name klingt wie die schönste Verheißung: Die Ostseestraße, so mag der unbedarfte Flaneur glauben, bahnt einem den direkten Weg ans Meer – alsbald schon liegt man im Strandkorb, spürt den feinen Sand unter den Füßen, hört den Möwen zu und dem Rauschen der Wellen. Nun ja, wir haben noch mal im Routenplaner nachgeschaut: Von der zufällig ausgewählten Ostseestraße 12 aus sind es 299 Autobahnkilometer bis nach Binz auf Rügen und 220 Kilometer nach Ahlbeck auf Usedom. Selbst wenn Sie nur nach Waren an der Müritz wollen, müssen Sie zwei Stunden Fahrtzeit einplanen.

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Früher grau, heute mau: die Ostseestraße im Jahr 1955.

An der Ostseestraße hingegen gibt es Wasser nur in Flaschen, bei Rewe oder Aldi Nord. Es fließt hier kein Flüsschen, es plätschern weder Bachlauf noch Teich, auf dem Ostseeplatz gibt es noch nicht mal einen Brunnen. Die gut ein Kilometer lange Hauptstraße in Prenzlauer Berg, im Jahr 1913 angelegt und in den ursprünglichen Plänen zunächst schnöde als Straße 31a bezeichnet, reihte sich in ihrer letztlichen Namensgebung nach der Ostsee ein in die Nomenklatur der westlich der Prenzlauer Allee bereits errichteten Nordischen Viertel mit Straßennamen skandinavischer Städte.

Heute gibt es hier Supermärkte, Wohnhäuser und vor allem viel Verkehr. Der vom preußischen Stadtplaner James Hobrecht vor über 100 Jahren geplante Park- und Boulevardcharakter der Ostseestraße ist unter die Räder einer motorisierten und nach Wohnraum lechzenden Stadt gekommen. Immerhin: An der Ecke Greifswalder gibt es einen MediaMarkt, mit schönen Reise-DVDs über die Ostsee. Anne Vorbringer


Kurfürstenstraße: Autostrich, Einstein und sonst nichts

Kurfürstenstraße - da denkt man an hochherrschaftliches Publikum, ans samstägliche Cruisen mit der Limo oder ans sonntägliche Flanieren im feinsten Zwirn. An einen prachtvollen Boulevard. Die Realität sieht nicht nur anders aus, sondern ist das genaue Gegenteil.

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Da fängt das Elend an: U-Bahnhof Kurfürstenstraße. Schon Christiane F. stieg hier regelmäßig aus. Seitdem hat sich nicht wirklich viel getan.

Touristen, die sich auf die Kurfürstenstraße verlaufen, weil sie die Straße mit dem Kurfürstendamm verwechseln, sind oft irritiert ob der sozialen und architektonischen Trostlosigkeit der Meile zwischen Dennewitzstraße und Olof-Palme-Platz: Sexshops, Billigmärkte, Drogenstrich, das sind die Tangenten im östlichen Teil der Kurfürstenstraße.

Weiter westlich kommt dann immerhin das Stammhaus des legendären Café Einstein. Aber das ist schon der einzige Fluchtpunkt in all dieser innerstädtischen Tristesse. Den Rest der Kurfürstenstraße kann man getrost vergessen oder gleich ganz meiden. Marcus Weingärtner


Allee der Kosmonauten: eine schläfrige Meile

Allee der Kosmonauten – welch ein wunderbarer Name für eine Straße! Das klingt nach Abenteuern im Weltraum, nach Aufbruch und Erneuerung, nach Heldentaten furchtloser Kosmonauten. Zuvor hieß die Allee der Kosmonauten einfach nur Springpfuhlstraße. Ein Pfuhl ist ein sumpfiger Tümpel, ein Teich mit fauligem Wasser. Aber um den Flug ins All des sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski und des deutschen Forschungskosmonauten Sigmund Jähn zur Raumstation Saljut zu würdigen, erhielt die Springpfuhlstraße den Namen Allee der Kosmonauten.

Augen zu und durch: die Allee der Kosmonauten führt von Lichtenberg nach Marzahn.

Das war 1978 und die beiden Weltraumhelden Bykowski und Jähn waren anwesend bei der feierlichen Umbenennung. Hätten Sie gewusst, welch trübe Trasse da nach ihnen benannt wird, wären sie wahrscheinlich mit der nächsten Rakete direkt zurück ins All gestartet. Denn die Allee der Kosmonauten hat so gar nichts von großen Taten, noch einen ästhetischen Anspruch wie beispielsweise die Karl-Marx-Allee. Plattenbau reiht sich an Plattenbau und dazu kommen nicht minder öde Gewerbegebiete.

Die einzige Abwechslung, bevor das Auge einschläft, ist die durchfahrende Tram. Wenn die nicht wäre, hätte man das Gefühl, die Zeit wäre wie in einem Roman von J.G. Ballard zum Stillstand gekommen. Gähn! Marcus Weingärtner