Ein Streamline-Mercedes auf dem Messegelände am Funkturm.
Foto: Motorworld Berlin 2019

BerlinDa war zuviel Tempo drauf, um die Jahrhundertgrenze abzuwarten: Bereits 1899 fand in Berlin die erste internationale Motorenwagen-Ausstellung Deutschlands statt. Berlin etablierte sich damals als Silicon Valley des europäischen Automobilbaus. Ab 1900 konzentrierten sich hier die besten Köpfe und Hände der diversen Technikbranchen. Man war hoch erfinderisch, international bestens vernetzt und absolut vernarrt in alles, was mit Maschinen und Kraftübertragung zu tun hatte. Ein Stück der damaligen Aufbruchs-Atmosphäre kann man dieses Wochenende nacherleben, wenn bis 24. November in den Messehallen unter dem Funkturm die „Motorworld Classics“ stattfindet.  

Dank des Metropolis-Ambientes der historischen Hallen ist der Besuch eine veritable Reise in die Stadtvergangenheit und etwas für die ganze Familie. Vor allem, da diesmal dem Berliner Automobilbau eine eigene Sonderschau gewidmet wurde. In den 1920er Jahre waren  Deutschlands führende Autobaufirmen in Berlin und Brandenburg angesiedelt; dazu gesellten sich viele kleine, innovative Hersteller und Karosserie-Manufakturen. Heute kaum mehr vorstellbar, gab es in der Hauptstadtregion damals rund 200 Fahrzeugfirmen – noch ohne die Motorradbauer mitgezählt zu haben.

Bekanntermaßen waren in den Goldenen Zwanzigern ja auch motorisierte Zweiräder ein Riesentrend, als preiswerte Alternative zum Automobil wie als Spaßgefährt fürs Wochenende. Und so gründeten sich innerhalb nur eines Jahrzehnts mehr als hundert Motorradfabriken in Berlin und Umland.

In den 1920ern gab es in und um Berlin rund 200 Autobaufirmen

Einer der Stars der Ausstellung ist ein schnittiger Ego 4/14 PS der Berliner Ego-Werke aus dem Jahr 1922. Bekanntheit erlangt die Marke im Jahr 1923, als der legendäre Rennfahrer Rudolf Caracciola auf Ego seinen ersten Sieg beim Avus-Rennen einfuhr. Wie es heißt, ist der nun auf der Motorworld Classics gezeigte Wagen das einzige verbliebene Exemplar der Welt.

In Kooperation mit dem PS.Speicher Einbeck zeigt die Sonderschau einige Raritäten, etwa einen BOB Sport im knuffigem Miss-Marple-Look. Der zwischen 1920 und 1925 in Berlin-Charlottenburg von der BOB Automobilgesellschaft hergestellte Wagen mit Vierzylindermotor von Siemens & Halske fuhr in den damaligen Kleinwagenrennen auf der Avus zahlreiche Erfolge ein. Das nun präsentierte Exemplar ist vermutlich der einzige noch erhaltene BOB weltweit.

Traumwagen des Ostens: der Melkus RS1000 von 1969.
Foto: Motorworld Berlin 2019

Ein weiterer Blickfang, den der PS.Speicher mitgebracht hat, ist ein Motorrad: eine 1929er Württembergia 350 Blackburne OHV. Bei einem solchen Markennamen denkt niemand an Berlin als Produktionsstätte, und doch – die ab 1929 mit britischen Blackburne-Motoren ausgestatteten Viertakter entstanden mitten in der Hauptstadt, rund zwei Kilometer vom heutigen Tiergarten entfernt.

Last but not least: Dass auch im Osten Deutschlands mit viel Liebe und Engagement formschöne Sportwagen gebaut wurden, zeigt die Firma Melkus aus Dresden in Halle 21. Heinz Melkus brachte 1969 den legendären und in Handarbeit hergestellten RS1000 auf den Markt, den ersten und einzigen Rennwagen der DDR mit Straßenzulassung.

Vom RS1000 wurden lediglich 101 Fahrzeuge gefertigt, wovon nur mehr geschätzte 90 existieren. Das DDR-Kultauto mit Mittelmotor und glasfaserverstärkter Polyester-Karosserie fällt vor allem durch seine Flügeltüren und die extrem tiefe Lage auf. Mit nur zehn Zentimetern Bodenfreiheit dezidiert kein Wagen fürs Berliner (Kopfstein-)Pflaster.