Zum Interview empfängt Rocko Schamoni (48) in seiner Wohnung im Hamburger Schanzenviertel. Hier ist sein Roman „Fünf Löcher im Himmel“ entstanden, in dem sich die Hauptfigur Paul Zech auf eine Reise in die Vergangenheit begibt, um herauszufinden, warum sein Leben so verkorkst ist.

Herr Schamoni, immer mehr Künstler gehen nach Berlin. War das für Sie nie eine Option?

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wegzuziehen. Denn in Hamburg bin ich inzwischen an einer Art Endpunkt angekommen. Ich frage mich: Was kann mir diese Stadt noch geben? Was habe ich ihr zu bieten? Alles scheint ewig gleichzubleiben. Doch das ist nicht das Einzige, was mich stört. Mich nervt dieser ganze Ausverkaufsprozess. Es existiert wenig bezahlbarer Wohnraum, man kann nichts mehr erobern. Das war Mitte der 80er Jahre völlig anders. Damals gab es in den Innenstadtvierteln viele schrottige Häuser, die leer standen. Sie waren ein wilder, freier Bereich.

So etwas werden Sie heutzutage auch nicht mehr in Berlin finden.

Neukölln zum Beispiel ist nach wie vor ziemlich schrabbelig. Dementsprechend sind die Mieten dort nicht so hoch. Außerdem vermischen sich die Kulturen, Subkulturen und Nationalitäten in Berlin stärker als in Hamburg.

Was hält Sie dann noch davon ab, Ihren Wohnsitz in die Hauptstadt zu verlegen?

Die Tatsache, dass das alle anderen schon da sind. Im Grunde müsste man in den Osten gehen. Es wäre lustig, in Halle eine Künstlerkolonie auszurufen, Parole: „Alle zieh’n nach Halle!“ Schließlich stehen dort komplette Straßenzüge leer.

Entwerfen Sie lieber solche Utopien, statt sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen?

Ich blicke durchaus mal zurück. Das ist für mich ebenso wichtig wie das Voranschreiten. Wer sich – wie Karl Lagerfeld – total von dem distanziert, was früher war, amputiert einen Teil seines Selbst. Denn ich kann doch nur begreifen, warum ich der geworden bin, der ich jetzt bin, wenn ich mich gelegentlich auf Vergangenes besinne.

Lassen Sie deshalb die Hauptfigur Ihres Romans „Fünf Löcher im Himmel“ Rückschau halten?

Paul Zech liest in seinem Tagebuch, um zu begreifen, wieso sein Leben so aus der Bahn geraten konnte. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf entscheidende Fakten, die ihm die Wahrheit vor Augen führen. Er liefert sich aber seinem Schicksal nicht passiv auf, sondern bleibt bis zum letzten Moment aktiv.

Seine Geschichte wirkt deprimierend. Weshalb haben Sie ein so düsteres Buch verfasst?

Das ist eine Frage der Interpretation. Schon „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ galt einigen Leuten als finster. Bis sie zu einer meiner Lesungen gekommen sind. Dank meines leicht lakonischen Tons hat sich dann die Farbe meiner Erzählung für sie plötzlich verändert.

Ich bezweifele, dass man „Fünf Löcher im Himmel“ in einem lakonischen Ton lesen kann.

Sicherlich ist es ein ernstes Buch – Ich habe beim Schreiben nicht gelacht. Die Ernsthaftigkeit war für mich unumgänglich und zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens erlösend.

Ihr Protagonist ist ein Mann in den 60ern, naturgemäß setzt er sich mit dem Älterwerden und der Vergänglichkeit auseinander. Wie sehr beschäftigen Sie diese Themen?

Ich mache mir nichts vor: Das Leben läuft halt auf den Tod zu. Je älter ich werde, desto mehr muss ich mich mit unangenehmen Effekten dieses Prozesses herumschlagen. Denn ab 45 beginnt der sogenannte Rückbau des Körpers.

Würden Sie gerne mit dem Helden des Films „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ tauschen, der immer jünger wurde?

Benjamin Button verliert irgendwann sein Bewusstsein und verlernt das Sprechen. Also fällt diese Methode schon mal raus. Ich bin aber davon überzeugt davon, dass es uns Menschen in den nächsten 100 Jahren gelingen wird, den Tod zu besiegen. Vielleicht wird es eine Tablette geben, die es uns ermöglicht, körperlich nicht weiter zu altern. Leider gehören wir zur letzten Generation, die das nicht mehr erleben wird.

Dann wäre unser Planet bald überbevölkert.

Selbstverständlich dürften sich diejenigen, die diese Pille nehmen, nicht fortpflanzen. Erst wenn sie freiwillig entscheiden würden, abzutreten, könnten sie Nachkommen in die Welt setzen.

Das Gespräch führte Dagmar Leischow.

Rocko Schamoni liest aus seinem Roman „Fünf Löcher im Himmel“ am heutigen Mittwoch, 19. November 2014, 20 Uhr. Deutsches Theater, Schumannstraße 13 A. Mitte. Karten gibt es ab 20,40 Euro an der Abendkasse.