Berlin - Ein bestens gelaunter Roger Willemsen öffnet um zehn Uhr morgens seine Zimmertür im 5-Sterne-Hotel „The Mandala“ am Potsdamer Platz. Er trinkt Wasser mit Ingwer, ein Gewürz, auf das er schwört, seit er mal mit Alfons Schuhbeck im ICE saß und der Sternekoch ihm wortreich die gesundheitlichen Vorteile der Wurzel darlegte. Wir blicken aus seiner Suite im zehnten Stock auf die Philharmonie und das Sony Center.

Sie haben ja einen fantastischen Ausblick!

Nicht wahr? Vor 13 Jahren habe ich die Einweihungsfeierlichkeiten des Sony Centers sieben Stunden lang moderiert. Die Japaner hatten damals eine Reiszeremonie geplant und ich wurde vorab von zehn Leuten recht herrisch unter Druck gesetzt: „Wenn du auch nur einen Fehler dabei machst, dann bringt das Unglück.“

Ist denn das Sony Center ein architektonischer Glücksfall?

Nein.

Aber wenn man doch unter dem Zeltdach steht und die Farben so schön wechseln …

… nein, nicht mal dann. Ich finde das Gebäude merkwürdig steril, es hat was von WC-Architektur, etwas Sanitäres. Belebt hat es sich auch nicht wirklich. Damals dachte ich, hier entsteht vielleicht eine Art Marktplatz. Aber drinnen ist es einfach nicht gemütlich.Überall diese Ketten, in denen Leute sitzen und andere Kettenbesucher angucken.

Welche Ecken von Berlin gefallen Ihnen denn besser?

Ich beobachte Städte nicht so gern vom Zentrum aus. In Berlin-Mitte hat man doch alle Konjunkturen schon erlebt. Der Post-Bauhaus-Stil ist überall durchgegangen, alles ist aus Kork und edlen Hölzern oder sieht zumindest so aus. In Immobilienanzeigen sieht man immer den selben Typus versachlichter Wohnungen. Ich hatte mal überlegt, mir in Berlin einen zweiten Wohnsitz zuzulegen, weil ich so oft hier bin. Da war ich abgestoßen, wie uniform alle Objekte sind, die einem angeboten werden. Townhouse oder Loft. Das sieht alles identisch aus. Da sagt man sich, ich will den röhrenden Hirsch wiederhaben, die furnierte Eiche! Nein, ich mag die Peripherien lieber.

Sie finden Berlin also architektonisch langweilig?

Nicht Bauten wie das Jüdische Museum, aber vieles kommt mir eklektisch und ideenlos vor. Meine Londoner Freunde sagten schon nach der Wiedervereinigung: „Mann, wie habt ihr das vermasselt. Ihr hattet in Berlin alle Möglichkeiten, so viel freie Fläche und habt dann so was draus gemacht.“

Was meinten sie konkret?

Zum Beispiel das Bundeskanzleramt – was Kohl sich da für eine Waschmaschine hingebaut hat, das ist wirklich deplatziert. Man kann so viel Gutes über den Reichstag sagen, der ist wirklich intelligent gebaut, selbst mit der Kuppel. Auch das Paul-Löbe-Haus ist ein schönes Ensemble mit teilweise beeindruckender Innenarchitektur. Aber das Kanzleramt ist doch ziemlich grauenhaft. Denken Sie an London, was die für Unikate gebaut haben, mit dem London Eye zum Beispiel. Oder an Moskau. Die Stadt setzt ganz neue Akzente und schafft gegenwärtige Denkmäler.

Wir bauen dafür ein Schloss.

Ich bin zwar befreundet mit einer über 90-jährigen Dame, die sich sehr in der Initiative für das Stadtschloss engagiert. Und es tut mir auch leid, aber ich kann einfach nicht dafür sein. Es gäbe so viel Kulturelles, das wichtig wäre, das man unbedingt machen sollte. Und das Schloss frisst so viel Geld. Andererseits, wenn wir dann das Licht am Flughafen mal wieder ausmachen können, sparen wir ja auch wieder.

Manches funktioniert aber auch in Berlin. Die Stars setzen auf diese Stadt. Jüngst wurde bekannt, dass Madonna in Zehlendorf einen Teil ihrer Fitnesskette eröffnen wird. Ein Studio namens Hard Candy.

Gott helfe Zehlendorf!

Sagt es etwas über Berlin aus, wenn Popstars an die Stadt glauben?

Es sagt etwas über die Hipness-Vermutung aus, die Madonna hat. In Zehlendorf ist sie vermutlich noch nie gewesen. Sie betrachtet es wohl als ihr Berliner Malawi. Ich weiß wirklich nicht, warum Madonna immer noch weitere Geschäftsideen generieren muss.Irgendwann ist doch auch mal gut.

Sie haben Madonna mal interviewt, sie war Ihr erster Stargast in „Willemsens Woche“.

Das war eine der unangenehmeren Begegnungen. Ich habe mir das Madonna-Interview neulich noch mal mit meinen Studenten hier an der Humboldt-Uni angeschaut. Sie macht wirklich keine gute Figur. Die Studenten waren noch härter. Sie sagten, die ist ja dumm.

Warum ging das so schief?

Sie war eine Stunde zu spät, schlecht gelaunt und überhaupt nicht bereit, sich mit Fragen zu bewegen und irgendetwas anderes als Marketing zu betreiben. Ich fragte sie, welchen Verdienst sie für sich in Anspruch nehme und sie sagte, sie habe geholfen, die Sexualität zu befreien. Daraufhin fragte ich, ob sie auch eine Botschaft für Impotente hätte. Da war sie fassungslos. Irgendwann fragte sie, warum sie die ganze Zeit das Gefühl habe, ihrem Psychiater gegenüberzusitzen. Ich erwiderte, es liege vielleicht daran, dass ich europäische Fragen stelle. Sie stimmte zu: Ihre Psychiaterin sei ja schließlich auch aus Argentinien. Am Ende des Interviews glaubten wohl beide Seiten, der andere wäre ein Irrtum der Natur.

Noch ein weiterer Interviewpartner von Ihnen war neulich in Berlin – David Hasselhoff. Er setzt sich für den Erhalt der Mauerreste ein.

Dann ist die Lage ernst. Ich glaube alles, wofür David Hasselhoff sich einsetzt, ist gefährdet. Er war damals der einzige Gast, der vor meiner Sendung jede Frage wissen wollte. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms wohlgemerkt. Und dann hat er mir die Fragen eine nach der anderen verboten. Dabei wollte ich nur Gerüchte abklopfen, die in deutschen Zeitungen über ihn verbreitet wurden. Etwa, ob es wahr ist, dass er seine Tochter Frankfurt nennen wollte. Live habe ich die Fragen dann trotzdem gestellt. Er hatte plötzlich Probleme mit dem Knopf im Ohr. Hinter der Bühne sagte er dann zu mir: „You’re an asshole.“ Damit war ich ganz einverstanden.

Vermissen Sie das Fernsehstudio inzwischen?

Nein, das tue ich keine Sekunde. Ich bin auf Bühnen glücklich und will nicht mehr mit Fernsehredakteuren darüber diskutieren, was das Publikum will. Aber ich schaue fern. Und zwar selektiv gleichermaßen Schrott und Hochkultur.

Was ist Schrott?

Schrott ist immer noch Heidi Klum. Im Grunde will ich das nicht noch mal sagen, aber ich finde Germany's next Topmodel wirklich widerlich. Da sollen sich 16-Jährige unter dem Vorwand ausziehen, sie verpassten sonst ihre Weltkarriere. Und darüber wacht Heidi Klum mit dem Gesicht eines raffgierigen Frettchens. Nein, Mädchen, Nein sagen ist eine gute Antwort.

Themawechsel. Wir haben gelesen, dass Sie mal in Berlin gelebt haben.

Das müsste ich differenzieren. Ich war mal verliebt in die Schauspielerin Dennenesch Zoudé, die damals hier drehte. Wir wohnten vier Monate lang in einer Dachwohnung in Neukölln. Das war 1994, in der Nähe des Flughafens Tempelhof. Damals war das ein rauer Kiez, man musste schauen, dass man auf der Straße keine auf die Fresse kriegte. Nachts ging ich oft spazieren. Einmal redete ich auf einem Spielplatz mit einem Türken, der Liebeskummer hatte und weinte. Ein sentimentaler Moment.

Sie leben in Hamburg, sind aber oft in Berlin. Nie überlegt, die Seiten zu wechseln?

Sollte Hamburg im Meer versinken, wäre Berlin die erste Stadt, in die ich ziehen würde. Solange komme ich gern als Besucher her und ziehe mich dann wieder ins diskrete Hamburg zurück. Wir hatten ja vor zehn, 15 Jahren schon einen richtigen Hamburger Exodus, weil so viele Freunde nach Berlin gingen und sagten, da muss man jetzt hin. Manche von ihnen sind inzwischen zurück und sagen, das kann man alles auch aus der Distanz erleben.

Wenn Sie mit dem Zug aus Hamburg hier ankommen, was ist das für ein Gefühl?

Da ist viel Vorfreude, auch bei anderen Reisenden, die ich treffe. Ein bisschen, als käme man gleich ins Weihnachtszimmer. Es gibt da so ein Stück verwildertes Brachland, unmittelbar bevor der Zug am Hauptbahnhof in den Tunnel fährt – Gestrüpp, wüstes Land, Ziegelwerk, Graffiti. Ich sorge jedes Mal dafür, dass ich diesen Augenblick nicht verpasse. Neulich sah ich dort zum ersten Mal Arbeiter mit roten Westen und dachte, schade, das wird verschwinden. Ich finde es so schön, wenn die Stadt ein Gebiet hat, wo die Zivilisation die Natur wieder frei lässt.

Und dann fahren Sie in den Hauptbahnhof ein.

Ja, und aus der Traum. An Taxifahrer hat man dort nicht gedacht, das führt schon mal zu permanentem Chaos und Streitereien. Wenn ich am Mittag dort bin und die Schulkinder sehe, die dort umsteigen oder ankommen, dann sehe ich auch, dass es in diesem ganzen Bahnhof keinen Bioladen gibt und kaum Gesundes. Stattdessen nur Junk, und zwar der richtige Dreck der großen Ketten, von Donuts bis McDonalds. Dass es auf so einer riesigen Fläche nicht möglich ist, irgendetwas Wertiges anzubieten, verstehe ich nicht. Und der Bahnhof insgesamt ist ja auch eher ein amputierter Engel.

Ist das eine Berliner Spezialität, dieses Schlampige, Unfertige?

Ich weiß nicht, wir Hamburger haben die Elbphilharmonie, und Stuttgart wird das Problem mit seinem Bahnhof ebenfalls bekommen, der ist jetzt schon eine Milliarde teurer.

Aber Stuttgart hat das Geld.

Das stimmt. Aber wenn sich etwas mehr Chaos in Berlin sammelt, dann liegt es auch daran, dass eine Hauptstadt immer mehr Gelegenheit hat, Unordnung zu stiften. In London wurden ähnliche Diskussionen geführt. Und inzwischen hat man sich doch in diesem „Arm, aber sexy“ ganz gut eingenistet.

Konnten Sie diesen Berlin-Slogan von Klaus Wowereit jemals nachvollziehen?

Zunächst einmal ist mir weder das eine noch das andere aufgefallen. Mir ist die Stadt insgesamt nie arm erschienen, sie präsentiert sich auch nicht so. Wenn ich etwas arm finde, dann die Ausstattung der Hörsäle in der Humboldt-Uni. Schauen Sie sich mal an, wie es um die Ausstattung für den berühmten akademischen Nachwuchs aussieht, und Sie wissen, dass Hörsäle nicht so wichtig gefunden werden wie Banken-Foyers. Und sexy? Ich weiß nicht. Eine Zeit lang schien mir Berlin eher die Stadt der schlechten Laune zu sein. Das ist aber immer zyklisch. Dann kommt man wieder und erlebt plötzlich fast schon Leichtherzigkeit. Sofern „sexy“ aber „anziehend“ meint, ja, dann finde ich Berlin sexy.

Fällt Ihnen als Besucher auf, wie sehr der Tourismus in der Stadt zugenommen hat?

Ja. Am mulmigsten wird mir in diesem Zusammenhang beim Holocaust-Mahnmal und bei der Form von Picknickkultur, die sich auf inzwischen zerberstenden Stelen entwickelt. Das ist schon unheimlich. Gerhard Schröders fatales Wort, er wünsche sich ein Mahnmal, wo die Deutschen gerne hingehen, wird plötzlich dadurch eingelöst, dass die Leute picknicken.

Hat die Stadt auf die falsche Form von Tourismus gesetzt?

Ich glaube, dieser Massentourismus, wie er sich am Brandenburger Tor oder Checkpoint Charlie präsentiert, lässt sich nicht vermeiden, er ist auch legitim. Berlin kennt andererseits die hässlichsten Auswüchse nicht, hier ist alles tolerierbar. Ich war gerade im kroatischen Dubrovnik. Diese Stadt besteht nur aus Tourismus. In der Altstadt wohnen ein paar Tausend Menschen, es kommen aber täglich bis zu 25 000 Reisende dorthin. Unter solchen Bedingungen kann die Stadt als Lebensraum kaum mehr existieren. Berlin, Du hast es besser!

Das Gespräch führten Anne Vorbringer und Marcus Weingärtner im Sommer 2013.