Rohheitsdelikte: Gewalt unter Schülern hat deutlich zugenommen

Ein Schüler sagt zu einem Mitschüler wörtlich „Ficki-Ficki“. Diesen Vorfall nimmt die Schulleitung so ernst, dass sie ihn als sexuellen Übergriff wertet und der Bildungsverwaltung meldet. Dort taucht der verbale Ausfall unter den 80 gemeldeten sexuellen Übergriffen eines Schuljahres auf. Neben deutlich schwerwiegenderen Fällen von sexueller Nötigung – oder dem Versenden von Videos mit sexuellem Inhalt.

Das Beispiel beweist: Schulen wissen offenbar oft gar nicht, welchen Vorfall sie wie einordnen sollen – und sie melden offenbar eher viel. Tatsächlich übertrifft die Zahl der von den Schulen gemeldeten Gewaltvorfälle die polizeilich festgestellten Rohheitsdelikte an Schulen deutlich. Diese Unsicherheit stellt automatisch die jährlich veröffentlichte Gewaltvorfall-Statistik der Bildungsverwaltung ganz prinzipiell in Frage. Diese reagiert nun. „Wir überprüfen derzeit das Meldeverfahren“, bestätigte Behördensprecherin Beate Stoffers auf Anfrage. Erstes Ergebnis sei, dass viele Meldungen aus den Schulen überwiegend genutzt werden, um erzieherische Signale zu setzen, so Stoffers. Das gelte insbesondere für nicht zwingend meldepflichtige Vorfälle mit Gefährdungsgrad der Stufe 1. Dazu zählen Beleidigungen, Tätlichkeiten und Mobbing.

Der Notfallplan für Schulen kennt auch noch die Gefährdungsstufe 2, zu der sexuelle Übergriffe, Amokdrohung und schwere körperliche Gewalt gehören. Darüber hinaus existiert Gefährdungsstufe 3 für Amoktaten, Geiselnahmen und Waffengebrauch. Die Schulen sind nur verpflichtet, die Gefahrstufen 2 und 3 zu melden.

Die Bildungsverwaltung hat Albrecht Lüter, den Leiter der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention, mit der Überprüfung beauftragt. Er bewerte auch, wie repräsentativ die Meldezahlen für das tatsächliche Gewaltgeschehen an Schulen seien, hieß es. Hamburg hatte sich zuletzt das Berliner Modell zu eigen gemacht und es dann wieder aufgegeben. Zu unpraktikabel. Nun zweifelt auch Berlin. Schulpsychologen werden womöglich gar nicht dort eingesetzt, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Brennpunkt Großsiedlungen

Dabei wird das Problem eher größer: Der gerade vorgestellte Berliner Bericht zur Jugendgewaltdelinquenz stellt fest, dass die polizeilich registrierte Jugendgewalt im vergangenen Jahr erstmals seit Jahren wieder angestiegen ist. Auch die polizeilich festgestellten Gewaltvorfälle in Schulen haben erstmals seit 2010 wieder zugenommen, heißt es in dem Bericht, den Albrecht Lüter mitverfasst hat. Besonders viele schulische Gewaltvorfälle registrierte man in Großsiedlungen am östlichen Stadtrand – in Marzahn-Nord, Neu-Hohenschönhausen-Süd, in Marzahn-Mitte und Hellerdorf-Ost, aber auch in der Köllnischen Heide in Neukölln.

Die allgemeine Jugendgewalt hat in Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf, Spandau, Lichtenberg und Charlottenburg-Wilmersdorf zugenommen, ist aber immer noch geringer als 2008. Innerhalb der Bezirke stieg die Jugendgewalt vor allem in ohnehin hoch belasteten Gebieten weiter an, neben Großsiedlungen waren das Verkehrsknotenpunkte und innerstädtische Wohnviertel mit vielen Bürgern mit Migrationsgeschichte. Weniger Gewaltvorfälle zählte man in Ausgehvierteln.