Roisin Murphy bei einem Auftritt.
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Sie ist eine der funkelndsten und verehrtesten Künstlerinnen moderner elektronischer Musik: Roisin Murphy, Allzeit-Liebling der Clubgänger und Modejournalisten, war die Stimme des britischen Elektronik-Duos Moloko, arbeitete ebenso mit House-Produzent Boris Dlugosch wie dem Sample-Künstler Matthew Herbert. Zu Beginn des Monats hat Murphy mit „Hairless Toys“ gerade ihr drittes Solo-Album veröffentlicht. Am Sonntag steht sie beim Berlin Festival auf die Bühne.

Miss Murphy, haben Sie als zweifache Mutter eigentlich noch Zeit, in Clubs zu gehen? Schließlich sind Sie dort quasi berühmt geworden.

Nein, keine Chance, das kommt nur äußerst selten vor. Es ist schließlich egal, was du letzte Nacht gemacht hast, deine Kinder wecken dich in jedem Fall um 7.30 Uhr.

Aber welche Rolle spielt das Tanzen heute für Ihre Musik? Moloko waren ja auch auf dem Dancefloor eine Größe.

Ich will schon, dass die Leute sich bewegen, körperlich aktiv sind. Ich brauche das nicht, dass sie nur still dastehen und meine Texte studieren. Das wäre zu trocken. Bei den ersten Gigs mit Moloko war das so, da kamen vielleicht sechs Leute, drei Journalisten und drei Skateboarder, die mich anstarrten, wie ich da auf der Bühne rumjammerte in meinem Glitter-Catsuit. Die haben sich wahrscheinlich gefragt, ob das jetzt echt ist. Nein, dass muss ich so nicht noch mal erleben, dass die Leute nur rumstehen und sich mit fragendem Blick den Bart kratzen.

Und was erwartet die Zuhörer jetzt bei einem Roisin Murphy-Konzert?

Ich bin mit fünf Musikern auf der Bühne, die verschiedene Instrumente spielen, musikalisch ist es sehr ambitioniert und experimentell. Es geht natürlich auch ums Zuhören, aber eben auch um Interaktion zwischen uns und dem Publikum.

Wenn Sie einem simplen House-Track mit Frauenstimme und belanglosem Text hören, können Sie dem noch etwas abgewinnen?

Natürlich, absolut. Ich wünsche mir sogar manchmal, nicht so viele Bedeutungsebenen in meinen eigenen Songs zu haben. Ich liebe House und Disco, mit dieser Musik bin ich aufgewachsen, DJs haben mich sehr beeinflusst. Aber ich wurde nicht als House-Diva geboren, sondern ich war von Anfang an eine experimentelle Künstlerin. Pure Tanzmusik wie der Track „Jealousy“, den ich vor kurzem mit DJ Parrot aufgenommen habe, ist eine Herausforderung für mich, denn da geht es rein um Funktionalität, da muss ich mich bremsen, damit ich nicht Dinge reinbringe, die nichts mit dem Song zu tun haben.

Wie entstehen Ihre Songs?

Ich schreibe Texte in Notizbücher, nehme Dinge mit meinem Telefon auf, sammle Zeitungsausschnitte, es kann auch ein Film sein, der mich spontan zu einem Text inspiriert...

Und wie arbeiten Sie im Studio?

Das ist ganz unterschiedlich. Mit einem Produzenten wie Parrott setze ich mich hin und dann spielen wir uns erstmal Platten vor, um dann etwas zu machen, was so ähnlich klingt. Also ungefähr die Arbeitsweise, mit der Pharrell Williams zuletzt so in Schwierigkeiten geraten ist (lacht). Mit Eddie Stevens (der Murphys aktuelles Album produzierte, Anm. d. Red.) dagegen ist die Arbeit sehr intuitiv, wir gehen ins Studio und legen einfach los, probieren verschiedene Ideen aus. Er kreiert musikalische Landschaften mit ungewöhnlichen Arrangements und Harmonien, zu den ich endlos Poesie schreiben könnte.

Spielen Sie selbst auch Instrumente?

Nein, das brauche ich nicht. Ich schreibe die Texte und die Melodien. Ich weiß, was mit der Musik geschieht, welche Prozesse sie durchläuft, ich bin bei jedem Schritt dabei, aber ich muss nicht selbst an die Geräte, um es kontrollieren zu können.

Interessant ist, dass Sie zur Musik eher zufällig gekommen sind. Sie haben vor Moloko ja nie gesungen...

In Irland singt jeder, auch ich habe als Kind viele Lieder gesungen. Aber ich hatte nie Gesangsunterricht, ich habe auch nie geplant, Musikerin zu werden, sondern wollte in die Bildende Kunst. In gewisser Weise bin ich ja auch Künstlerin, was den visuellen Part meiner Arbeit betrifft. Und Moloko, das haben Mark Brydon und ich angefangen, weil wir eine Beziehung hatten, nicht wegen irgendwelcher Karrieregedanken.

Was antworten Sie, wenn Sie heutzutage nach einem Moloko-Comeback gefragt werden?

Normalerweise sage ich: Es ist nicht gut ausgegangen. Aber mich hat vorhin schon wieder jemand gefragt, und da hatte ich schließlich den Mut, zu antworten: Warum? Warum sollte ich? Ich mag meine Solokarriere, die ist genauso bedeutsam, und ich habe genau so viele Fans – es gibt keinen Bedarf für ein Moloko-Comeback. Ich hätte auch große Angst, dass es dann nicht so gut wird, wie es damals war. Moloko hatte einen Unfall, ist in viele Teile zersplittert, die man nicht wieder zusammenfügen kann. Trotzdem sind meine Erinnerungen an diese Zeit wunderbar und ich bin Mark sehr dankbar. Er ist ein genialer Produzent, brillanter Songwriter und er hat mich immer angetrieben, selbstkritisch zu sein und meine Grenzen zu übersteigen. Ich habe seine Stimme auch heute noch im Ohr, wenn ich Musik mache fragt sie: Bist du das wirklich im Text? Und: Kannst du es nicht noch besser?

Das Interview führte Jakob Buhre.

Am kommenden Sonntag, dem 31.5. tritt Murphy beim Berlin Festival in der Arena auf. Beginn ist 22.45 Uhr .

Die Karten kosten ab 49 Euro (Tagesticket)