Berlin - Trash!“, brüllt jemand durch die Turnhalle. Was wie ein Fluch klingt, ist in Wahrheit der Kampfname einer zierlichen, dunkelhaarigen Frau mit großer Brille. Mit elf anderen Spielerinnen trainiert sie in Kreuzberg Roller Derby – ein Sport, bei dem je fünf Frauen auf Rollschuhen gegeneinander antreten. Blaue Flecken und Stürze sind vorprogrammiert. Der sogenannte Vollkontaktsport stammt in seiner heutigen Form aus der amerikanischen Punk- und Rock 'n' Roll-Kultur. Viel tätowierte Haut kommt unter den Gelenkschonern zum Vorschein.

Frauen, die wie Männer spielen

Roller Derby wird fast ausschließlich von Frauen ausgeübt. Die Spielerinnen schlüpfen in eine Rolle und inszenieren sich in kämpferischen Posen. Sie treten mit Ironie und Kampfgeist, mit greller Schminke und Hotpants auf. Im Alltag arbeiten sie als Lehrerinnen und Wissenschaftlerinnen. Ziel des Spiels ist es, dass die sogenannte Jammerin eines Teams die anderen auf der ebenen Bahn möglichst oft überholt. Die Gegnerinnen versuchen, das mit vollem Körpereinsatz zu verhindern. Blocken und Wegdrängen mit Hüfte, Schultern und Po sind erwünscht, Ellbogen ausfahren und Fußtritte hingegen tabu.

„Es macht mir Spaß, gegen Frauen anzutreten, die wie Männer spielen“, erzählt Trash, die eigentlich Antoinette Dyksman heißt. Sie muss für heute das Training abbrechen, denn sie hat von Trainerin Master Blaster einen Schlag auf den Ellbogen bekommen. „Wir sind alle sehr tough. Der Schmerz wird mich nicht vom Spielen abhalten“, erklärt die Kanadierin bestimmt. Denn das wäre ein schlechter Zeitpunkt. Ihr Team, die Berlin Bombshells, wird am Wochenende bei einer Art erster europäischer Champions League des Roller Derby gegen zehn der besten Teams Europas antreten.

Viermal pro Woche trifft sich die Mannschaft in der Kreuzberger Turnhalle. Gefragt sind Ausdauer, Geschicklichkeit und Taktik. Nach dem heutigen Probespiel redet die Trainerin ihrem Team ins Gewissen, ihren Zahnschutz behält sie dabei im Mund. „Denkt dran, wir können nicht 30 Minuten rumdaddeln, bevor wir anfangen, richtig zu spielen.“ Da wäre dann nämlich die erste Halbzeit vorbei.

Vor zwei Jahren kam Antoinette „Trash“ Dyksman nach Berlin, wo sie als Bedienung in einem Café arbeitet. Der Sport wirkt sich auch auf den Alltag der 29-Jährigen aus. „Auf Rock-Konzerten und in der vollen S-Bahn neige ich zum Rempeln und Drängeln“, gibt sie zu und lächelt dabei freundlich. Zehn bis 20 Stunden verbringt sie im Durchschnitt mit Training und Komitee-Arbeit. Die Spielerinnen verwalten alles selbst, organisieren Wettkämpfe und Reisen.

Noch junger Sport

In Europa ist der Sport noch jung. 2006 wurde die erste deutsche Gruppe in Stuttgart gegründet, 2008 folgte Berlin. In den USA gibt es Roller Derby bereits seit den 1920er-Jahren. Wegen vieler Verletzungen durch Fouls ging der Sport zunächst wieder unter. Erst um das Jahr 2000 herum wurde Roller Derby in Amerika dank neuer Regeln wieder populär. Weiblich, angriffslustig, fair – so will sich die zweite Welle des Roller Derby zeigen.

Kata Pulta, mit bürgerlichem Namen Kasia Motyka, sagt von sich, dass sie die Brave der Mannschaft sei. Bei ihr sind keine Tattoos zu sehen, sie trägt die Haare zu einem Zopf geflochten. Durch einen Youtube-Clip ist sie auf den Sport aufmerksam geworden. Ihre Augen strahlen, wenn sie davon erzählt: „Auf der Internetseite der Berlin Bombshells posierten die Spielerinnen mit Punk-Attitüde und guckten böse. Ich hatte Angst: Was werden die denken, wenn ich mich bei ihnen vorstelle?“ Aber die Faszination war größer, und schnell war Kata Pulta akzeptiert.

Regelrechter Derby-Tourismus

Die 29-Jährige wohnt in Slubice an der deutsch-polnischen Grenze und pendelt jede Woche, um in Berlin zu trainieren. Auch sie ist aufgeregt, wenn sie an die kommenden Turniere denkt: „Der Bout gegen London wird ein harter Kampf.“ Als Bout bezeichnet man im Roller Derby ein Spiel. Die London Roller Girls sind derzeit die beste europäische Mannschaft, gefolgt von den Berlinerinnen.

Inzwischen gebe es einen regelrechten Derby-Tourismus, rechnet Mitspielerin Trash vor. Rund 200 Spielerinnen reisen für den Wettkampf nach Berlin an, sie bringen Freunde und Fans mit, das mache rund 1000 Besucher. Sie selbst hat sich in der Woche vor dem Spiel sehr gesund ernährt: „Nie würde ich vor so einem Bout einen Burger essen.“ Neben punkigem Auftreten und trashigen Namen geht es eben – wie bei jedem Sport – auch viel um Disziplin.

EM im Roller Derby: Das europäische Turnier „Track Queens: Battle Royal“ findet an diesem Wochenende in der Arena in Treptow statt (Sa und So ab 10 Uhr, Finale So 18 Uhr, Tagesticket 15 Euro, Wochenendticket 40 Euro, Eichenstraße 4).

www.trackqueensbattleroyal.com