Höchste Verkaufszahlen vermeldet die Zweiradindustrie in der Corona-Pandemie.
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BerlinPlötzlich war alles ganz entspannt: Kein Gedränge mehr in U-Bahnen und Bussen, kein Stau auf dem Weg zur Arbeit, keine Touristen, die auf E-Tretrollern herumkurven. Die Corona-Krise hatte die Art der Fortbewegung auf den Kopf gestellt. Viele Menschen arbeiteten plötzlich zu Hause. Raus gingen sie nur noch zum Einkaufen. Straßen, Bürgersteige und Radwege blieben weitgehend leer. „Das sind allerdings nur Momentaufnahmen. Was sich von den Veränderungen langfristig einpendelt, steht auf einem anderen Blatt“, sagt der Verkehrsexperte Andreas Nienhaus. Allmählich kehren die Nutzer zurück. Busse, Bahnen und Straßen werden voller. Die Anbieter von Tretrollern, Fahrrädern und Leihautos berichten einheitlich von wieder steigenden Nutzerzahlen. Doch auf dem hart umkämpften Markt der Mobilitätsdienste - da sind sich viele Experten einig - wird es Veränderungen geben, Gewinner und Verlierer.

Zu Ersteren gehört das Fahrrad. Die Zweiradindustrie vermeldet für Mai die höchsten Verkaufszahlen ihrer Geschichte innerhalb eines Monats. Angesichts des sich fortsetzenden Verkaufsbooms liegt es nahe, dass auch der Leihradmarkt profitieren dürfte: „Unsere Neuregistrierungen sind in einigen Städten durch die Decke gegangen“, bestätigt Mareike Rauchhaus, Sprecherin des Leihradanbieters Nextbike. Die Kommunen hätten den Trend erkannt: „Große Städte investieren derzeit massiv und schaffen eine deutlich bessere Fahrradinfrastruktur“, sagt van Pappelendam und verweist auf Pop-up-Fahrradwege wie in Berlin oder Köln. „Manche überlegen, Autos gleich ganz aus Stadtzentren zu verbannen - etwa Paris.“

Doch besonders in Deutschland ist der Kampf um die Straße noch lange nicht entschieden. „Die Industrie selbst geht davon aus, dass das Auto ein Stück weit der Gewinner der Krise sein wird“, sagt Verkehrsexperte Nienhaus. Auch wenn die Zulassungszahlen von Neuwagen in ganz Europa massiv eingebrochen sind, muss das auf Dauer nicht so bleiben. „Es gibt Förderprogramme, die in Deutschland sehr prominent diskutiert wurden. Und kaufe ich erstmal ein Auto, dann bin ich in den nächsten fünf bis zehn Jahren an ein Verkehrsmittel gebunden.“

Der eindeutige Verlierer der Krise ist der Öffentliche Nahverkehr. Um rund 90 Prozent sind die Fahrgastzahlen vielerorts eingebrochen. Die Branche schätzt die eigenen Verluste auf rund 5 Milliarden Euro. Für Nienhaus ist auch das ein Grund, warum das Auto in den Innenstädten bald wieder präsenter sein könnte. „Man erkennt gerade, dass diese ganzen Mobilitätskonzepte nicht die Menschenmassen auffangen können, die durch den Einbruch im ÖPNV gerade frei werden“, sagt er. „Viele steigen deshalb immer noch aufs Auto um.“

Wollten die Städte einen Verkehrsinfarkt vermeiden, seien sie gut beraten, die Infrastruktur zugunsten der übrigen Verkehrsangebote umzugestalten. Pop-up-Radwege, so im Klartext, dürften nach der Krise nicht wieder verschwinden.