Wer derzeit in einen Weddinger Industriehof geht, steht dort vor einigen Bretterwänden, die einst zu einem kleinen Wohnhaus in Detroit gehörten. Wer  dann  schon das Glück hatte, das neue National Museum for African-American History and Culture in Washington gesehen zu haben, der hat das Gefühl: Diese Hausreste mussten nach Berlin kommen, in diese Stadt, die so sehr für sich in Anspruch nimmt, ein Vorort der Freiheit zu sein.

Im Washingtoner African-American Museum geht man wortwörtlich in die Tiefen des Rassismus,  der Sklaverei. Das Museum  feiert vor allem den beharrlichen Widerstand des schwarzen Amerika gegen die Unterdrückung, sei es durch Flucht, Aufstände oder  wirtschaftliche Selbstbefreiung. Zu dieser Geschichte gehört auch die Aktion einer jungen Frau, die sich am 1. Dezember 1955 weigerte, in Montgomery/Alabama ihren Sitzplatz im Bus zu räumen, als dieser von einem weißen Mann beansprucht wurde.

Das  war offener Gesetzesbruch, ziviler Widerstand, wie ihn  Martin Luther King forderte. Rosa Parks war der Name dieser Frau. Die Aktion war nicht zufällig, Parks arbeitete seit 1943 neben ihrer Tätigkeit als Schneiderin auch als Sekretärin für die National Accociation for the Advancement of Coloured People (NAACP) in der Hauptstadt Alabamas, Montgomery. Die NAACP hatte nach einer Freiwilligen gesucht, die eine solche Aktion wagte. Tatsächlich: Die junge Frau wurde verhaftet, das Foto ging um die Welt und bewirkte mehr Veränderung als so manches gute Buch.

Flucht nach Morddrohungen

Daran denkt man schnell auf dem Weddinger Industriegelände, auf dem in den nächsten Wochen die Reste jenes ersten Wohnhauses zu sehen sind, in dem Rosa Parks in Detroit lebte. Sie floh nämlich 1957 nach zwei Jahren ununterbrochener Morddrohungen nach Detroit. Sie wurde Teil jener Millionen von Schwarzen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem agrarischen Süden in die Industriegebiete des Nordens zogen. Tief veränderte dies die Demografie und Kultur der USA, ganz neu begannen sich die vielen Kulturen der Schwarzen und die der Weißen zu vermischen.

Zunächst fand Rosa Parks Aufnahme eben in diesem Haus ihres Bruders, lebte  darin mit seiner Familie. Drei Schlafzimmer,  Küche und   Wohnzimmer mussten zeitweilig  ausreichen für 15 Menschen. Beengte Verhältnisse, die dennoch für viele  Schwarze aus dem Süden schon der erste Schritt zum sozialen Aufstieg waren.

Rosa Parks, gut ausgebildet, bekannt mit so ziemlich allen Größen der Bürgerrechtsbewegung, verließ das Haus in der 2 672 South Deacon Street schon 1959. Das Haus wurde später verkauft, mit dem Niedergang der Industrie Detroits ging auch das Viertel darnieder. Die Ruine sollte abgerissen werden, obwohl die Nichte von Rosa Parks, Rhea McCauley, das Material für 500 Dollar erwarb und versuchte, das Haus als nationales Denkmal registrieren zu lassen. Doch gab es dafür keine Interessenten – wohl auch deswegen, weil dieses Haus zu vielschichtig in seinen Bedeutungen ist: Es steht für den Rassismus, aber auch die Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, kann an die Bürgerrechtsbewegung erinnern, aber auch an die tiefe soziale und kulturelle Krise des schwarzen Amerika.

Erinnerungen und Geschichten

Der amerikanische Künstler Ryan Mendoza übernahm von Rhea McCauley die Hausreste, brachte sie nach Berlin, montierte sie hier wieder zusammen. Er ging dabei denkmalpflegerisch sorgfältig um, bis hin zu Holzdetails und zu den Zeichen des Verfalls. Das ist bemerkenswert, ist er doch eigentlich berühmt dafür, ganze Häuser in Kunstwerke zu verwandeln, ihre Fassaden neu zu bemalen, zu verwandeln. Hier aber war ihm der historische Dokumentarwert das Wichtige. Und der wäre durch jede auch noch so kleine künstlerische Bearbeitung vernichtet worden.

Das Resultat ist ein hoch fragiles Objekt, an dem sich unglaublich viele Erinnerungen und Geschichten fest machen lassen. Wenn heute Schulen in der ganzen Welt – selbstverständlich auch in Berlin – nach Rosa Parks benannt sind, zeigt das eben auch, dass  die amerikanische Bürgerrechtsbewegung weit mehr war als nur der Kampf für die Rechte einer Minderheit. Sie war der Ausgangspunkt für den Kampf  für die bürgerliche Gleichberechtigung von Diskriminierten generell und weltweit. Die Frauen- oder die Schwulen- und Lesbenbewegung, die Emanzipation von religiösen Minderheiten, von Latinos oder anderen Einwanderern, heute der Kampf für die Rechte von Flüchtlingen, sie alle beruhen letztlich auch auf der Bürgerrechtsbewegung der USA. Es ist kein Zufall, dass der Hass auf die „Amerikanisierung“, der in nationalistischen Kreisen Frankreichs, Deutschlands, Österreichs innig gepflegt wird, immer einhergeht mit dem Kampf gegen die Gleichberechtigung aller Bürger.

Am besten ins Humboldtforum

Genau deswegen sei hier noch einmal der Vorschlag wiederholt: Das Haus von Rosa Parks gehört ins Humboldtforum. Es nach Amerika zurück zu bringen, wie der Künstler es sich vorstellt, wäre weitgehend wirkungslos, zumal seine Idee, es   im Park des  Weißen Hauses  aufzustellen  bestenfalls idealistisch sein dürfte. Der originale Standort in Detroit steht auch nicht mehr zur Verfügung, und das African-American-Museum in Washington hat schlichtweg nicht den Raum, offenbar auch nicht das Interesse. Das Humboldtforum dagegen hat den Raum, und es braucht genau ein solches Objekt, das ins Heute führt. Bisher nämlich ist es eine Ansammlung von weltweit einzigartigen, aber eben historisch gewordenen Sammlungen. Sie gehen fast durchweg, das war die Intention der Sammler des 19. Jahrhunderts, von einem statischen Kulturbegriff aus, tun so, als wenn es „die“ afrikanische, asiatische oder amerikanische Kultur gäbe. Das schwarze Amerika ist deswegen im Humboldtforum genau so wenig vorgesehen wie das weiße Amerika, das indische und weiße Afrika, die asiatischen Kulturen.

Wanderung, Vermischen, die Entdeckung des Anderen als Teil des Eigenen, die gehören aber auch zur Kultur – ebenso der Kampf für die Rechte aller Menschen. All dies kann man an dem kleinen Hausrest erkennen, in dem einst Rosa Parks wohnte.

Diese zierliche Montage in der klotzigen Eingangshalle des Humboldtforums aufzustellen, das zeigte fast unübertrefflich gut, dass das teuerste Kulturprojekt der Bundesrepublik mehr erreichen will als nur die Darstellung vergangener Geschichte. Frau Kulturstaatsministerin Grütters, übernehmen Sie! 

Das Haus ist zu besichtigen in der Wriezener Straße 19 in Wedding am Samstag, 14 bis 17 Uhr & 20 bis 22 Uhr, am Sonntag 16 bis 22 Uhr.