Am Anfang fühlt es sich ein wenig fremd an, wenn diese junge Frau einen ansieht und von sich behauptet, 81 Jahre alt zu sein. „Mein Name ist Christel, ich bin 1933 geboren und ich möchte Dir meine Geschichte erzählen“, sagt sie und man blickt in ein faltenfreies Gesicht. Aber dann spricht sie weiter und führt den Hügel hoch über verschlungene Wege durch den Volkspark Prenzlauer Berg an der Grenze zu Lichtenberg. Und mit jedem Schritt und jedem Satz wird das fremde Gefühl etwas kleiner. Man muss sich darauf einlassen.

Es ist ein ungewöhnlicher Spaziergang, bei dem man in den kommenden Wochen diese junge Frau und neun weitere Schauspieler begleiten kann. Er führt in die Geschichte, genauer gesagt in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er handelt von Bombenhagel und Flucht, von Hunger und Vertreibung, von den Ängsten der Opfer und auch denen der Täter des Nazi-Regimes. Die bildende Künstlerin Sonya Schönberger hat vier Jahre lang Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Daraus ist nun das Theaterstück „Rosemarie“ geworden. Ein Stück, in einer ungewohnten Form: Die Zuschauer bewegen sich dabei über den Hügel im Volkspark Prenzlauer Berg, einer von 14 Bergen, die nach dem Krieg aus den Trümmern der zerbombten Stadt geformt worden waren. Jeder Zuschauer wird dabei von einem Schauspieler begleitet, der ihm eine Lebensgeschichte erzählt. Es können also immer nur zehn Zuschauer gleichzeitig kommen.

Melanie Schmidli ist 31 Jahre alt und sie ist Christel. Jedenfalls für eine Stunde lang. „Ich wurde in Gumbinnen geboren, in der Kaliningrader Oblast“, sagt sie, früher Ostpreußen, heute Russland. Dann spricht sie von ihrem Vater, einem Zollbeamten, der in den 30er Jahren nach Berlin versetzt wurde. „Wir haben in der Levetzowstraße in Tiergarten gewohnt, in einer Gegend, in der auch viele jüdische Menschen lebten. Es gab auch eine Synagoge“, sagt sie. Dann erzählt Christel von dem Tag, an dem Lastwagen vorfuhren und Männer mit Waffen auf der Straße standen. „Sie brüllten raus Jude, komm. Die Leute hatten Rucksäcke oder Kopfkissenbezüge, in denen sie etwas mitnehmen konnten“, sagt sie. Christel war damals ein kleines Mädchen, fünf, sechs Jahre alt. Die Schauspielerin Melanie Schmidli ist nun ganz verschwunden, körperlich ist sie natürlich noch da, aber sie spricht mit Christels Worten.

Der Zuschauer spaziert über die holprigen Wege, erstes Herbstlaub liegt dort, die Goldruten blühen. Es sind kaum Spaziergänger unterwegs. Man kann Melanie Schmidli beim Weitergehen fragen, ob sie Angst gehabt hat und Christel antwortet. Melanie Schmidli improvisiert dann, ist ganz Christel, so dass der Zuschauer tatsächlich das Gefühl hat, sich mit einem echten Zeitzeugen zu unterhalten. Sie spricht vom Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel im Luftschutzkeller, von den jüdischen Nachbarn, die im Kohlenkeller den Bombenhagel abwarten mussten, sie berichtet von der Evakuierung, von der Flucht nach Ostpreußen und vom langen Fußmarsch wieder zurück. Sie erzählt vom Verwesungsgeruch und von Hunger. „Ich wollte einen Platz finden, wo man den Kopf hinlegen kann. Das ist ein Trauma für mich, dieses nicht wissen wohin“, sagt sie. Dann ist es ganz deutlich, dass dies Christels Worte sind. Manchmal begegnen einander die Paare aus Zuschauern und Schauspielern. Dann vermischen sich die Geschichten ganz kurz. Aber der Park ist nahezu menschenleer. Meist ist man mit seiner Kriegserinnerung ganz allein.

Sonya Schönberger hat schon einige Zeitzeugenprojekte gemacht: Ausstellungen, Installationen, Dokumentationen. Kürzlich hat sie Einschusslöcher von den Kämpfen in den letzten Kriegstagen in Berlin im Gebäude der Theaterspielstätte Ballhaus Ost an der Pappelallee mit Blattgold gefüllt und so hervorgehoben. Der Zweite Weltkrieg ist eins ihrer wichtigsten Themen. „Die Erinnerung ist mir wichtig“, sagt sie. Zumal die Zeitzeugen immer weniger werden. „Rosemarie“ ist der Name ihrer Schwiegermutter. Sie ist aber im Theaterstück keine eigene Figur. Für das Stück hat sie Gespräche in Deutschland und den USA geführt, mit Vertriebenen, Juden, die nach Amerika flohen, KZ-Häftlingen, Flakhelfern, Bauern, Soldaten, einem Mitglied der Waffen-SS.

„Rosemarie“ ist an den kommenden drei Wochenenden Samstag und Sonntag 14.30, 16, 17.30, 19 Uhr zu sehen. Anmeldung über www.ballhausost.de, www.reservix.de oder an den Vorverkaufsstellen. Tickets: 13, erm. 8 Euro.