Berlin - Jetzt hat schon wieder wer einen von den Buchsbäumen geklaut, direkt aus dem gemauerten Fenstersims heraus. Die Lücke in der regelmäßigen Abfolge der kugeligen Bäumchen sieht ein bisschen anklagend aus, wie überhaupt das ganze Haus, das dieses florale Arrangement schmücken soll, irritiert mit seinen großen Erwartungen. Das Gebäude an der Goten-/Ecke Leuthener Straße ist eine schon so einige Jahre währende Baustelle, unten mit kassettierten, bodentief gefassten Glasscheiben, die wohl ein Restaurant von Gendarmenmarkt-Güte zum Einzug verlocken sollten, oben im zweiten Stock mit trotzig geschlossenen Fenstern hinter einem wackeligen Balkonaustritt als Bollwerk. Einer im Haus hat standgehalten. Aufhalten kann er die Luxussanierung seines Zuhauses allerdings nicht.

Manche sehen in der Metamorphose ein Zeichen, wie es kommen könnte in nächster Zeit mit der Roten Insel, jenem Dreieck im Osten Schönebergs, das von S-Bahnlinien fest umschlossen wird. Wie ein Segel wirkt es auf Stadtplänen, mit der Wannseebahn im Westen, der Anhalter Bahn im Osten und der Ringbahn im Süden als formgebenden Geraden, zweimal quer durchschnitten von der Monumentenstraße und der Kolonnenstraße. Eine Insel, die nicht von Wasser umgeben ist, deren Demarkationslinien durchlässig sind und längst von Fahrradwegen für die schnelle Querung durchzogen. Und doch bleibt das Gebiet für sich. Die Bewohner blicken von ihren erhöhten Warten aus – wie zum Beispiel der Julius-Leber-Brücke – eher distanziert auf ein sich öffnendes Stadtpanorama, mit einem Blick, der hinüber zum Potsdamer Platz und weiter hinaus bis zum Horizont geht und trotzdem zu Hause bleiben will, auf der Insel.

Wenn es dann dämmert und die S-Bahn in ihrem tiefen Bett an der Leberbrücke mit sanftem Raunen bremst und wieder beschleunigt – ja, dann singt mitunter neben der Brücke, in einem Baum direkt neben den Gleisen, eine Nachtigall. So süß und schwermütig, dass auch die Alkoholiker auf der winzigen Grünfläche hinter der Bioinsel, einem ökologisch selbstverständlich korrekten Supermarkt, kurz damit aufhören, sich mit fortlaufender Bierbefeuchtung die Welt verbal untertan zu machen. Eine derart perfekte Verflechtung von Berliner Klischees gibt es allerdings nur selten.

Die Rote Insel mit ihrer kaiserzeitlichen Bebauung ist nun auch wirklich kein Idyll aus einem Alt-Berliner Bilderbuch. Unter dem 78 Meter hohen Gasometer an der Torgauer Straße – denkmalgeschützt und stillgelegt – werden die fünfgeschossigen Häuser zwar zu einer Art miniaturisierter Filmkulisse, denn die Gegend hat kaum Schäden durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg davongetragen. Wäre der Krieg anders ausgegangen, gäbe es sie heute nicht mehr. Albert Speers Pläne für die Welthauptstadt Germania wären mitten hindurch gegangen durch die Rote Insel, sie hätte auf genau jener Nord-Süd-Achse gelegen, die von der Großen Halle am Spreebogen zum Triumphbogen nahe dem heutigen Bahnhof Südkreuz geführt hätte. Zur Abrissvorbereitung hatte die Stadt Häuser an der Großgörschen-, Katzler- und Hochkirchstraße aufgekauft und bis Ende 1940 entmietet, zum Abriss kam es bekanntermaßen nicht mehr.

Die meisten Fassaden sind heute in einem eher nur zweckmäßig erhaltenen Zustand, meringeweißen Stuck oder puddinggelbe Simse wie in anderen Bezirken gibt es selten, dafür einen – Nostalgiegefühlen erstaunlich zuträglichen – Hauch von feuchtem Keller mit Mörtel und Apfelhorten, wenn man an einer geöffneten doppelflügeligen Eingangstür vorübergeht. Sollte, wie in der Leberstraße, mal ein Haus waghalsig zartlila angestrichen worden sein, dann vermuten die Nachbarn, dass die Farbe wohl gerade im Sonderangebot war. Zu den Rändern hin bekommt die Segelfläche zwar immer mehr schattenspendende Bäume, sie franst aber auch in Gewerbegebiete aus.

Der schwarze Schnee

Zumindest idyllische Momente hat sich die Insel jedoch bewahrt. Durch eine gemächliche Geschwindigkeit vor allem. Sie wird zwar zu jenen westlichen Bezirken gezählt, denen, wie auch Wedding oder Moabit, seit gewiss fünfzehn bis zwanzig Jahren dramatische Umwälzungen, Mietpreisexplosionen, Immobilienspekulationen und baldige In-Werdung prophezeit werden, doch bislang sitzt man Prognosen weitestgehend aus. Das hier ist nicht das edle, münchnerisch schick gemachte Schöneberg des Viktoria-Luise-Platzes, sondern ein als überwiegend einfache Wohnlage klassifiziertes Gebiet mit geringer Fluktuation, was Makler in ihrem Eifer etwas erlahmen lässt.

Es gebe hier, sagt Matthias Seidel, der Architekt und Stadthistoriker ist, eine Art Grundrenitenz der Bevölkerung. Man wehre sich dagegen, einfach so übernommen zu werden. Von Neuerungen, vom Hipstertum, von allem, was aufgeregt wirkt. Was auch mit einer gewissen Insulanermentalität zusammenhängt. Man ist von der Definition her ja irgendwie abgeschieden. Wenn man Neuankömmlingen in der Stadt erklären möchte, wie es war, das alte West-Berlin, dann geht das hier umstandslos. Auf der Roten Insel sehen die älteren Herren, die ihre steifbeinigen, kniehohen Hunde ausführen, mitunter aus wie Günter Pfitzmann, der wie kein Zweiter den in sich ruhenden West-Berliner alten Schlages verkörpert hat. Über den Straßen liegt – vor allem, seit der Durchgangsverkehr über die 2010 fertiggestellte Wilhelm-Kabus-Straße fließt – eine friedliche, behagliche Ruhe. Vor vielen der kleinen Geschäfte stehen Bänke.

Matthias Seidel, der nicht nur Architekt, sondern auch Galerist ist, lebt seit Jahrzehnten in der Gegend, erst in der Studenten-Wohngemeinschaft, jetzt in der Familienwohnung. Im stillen Teil der Leberstraße liegt seine Galerie dr. julius | ap. Gefühlte Abgelegenheit kann man immer auch als eine gewisse Exklusivität betrachten. Wer hierherkommt, um sich – derzeit – die strengen Filzfaltungen, die schwerelos an der Wand schwebenden Graphitkuben anzusehen, der meint es eben auch ernst mit seinem Besuch. „Eine Galerie hat hier nur Sinn, wenn man sich nicht auf Laufpublikum spezialisiert“, sagt Seidel.

Als er herkam in den Achtzigerjahren, wollte keiner in die Gegend ziehen. Im Winter war der Schnee schwarz vom Ruß, wegen der Ofenheizungen. Die Insellage mitten in West-Berlin glich eher einer Isolationshaft, der schlechten Anbindung wegen. Eigentlich habe sich erst durch den S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke alles geändert, befindet Seidel. Am 2. Mai 2008 wurde der eingeweiht, er weiß es noch genau, denn am selben Tag eröffnete er seine Galerie.