Ein Fischadler im Biosphärenreservat Schorfheide in Nordbrandenburg. 1992 galt er noch als stark gefährdet, inzwischen steht er nicht mehr auf der Roten Liste.
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BerlinDas menschliche Auge reagiert sehr stark auf die auffällige Farbe Rot. Sie gilt als die Alarmfarbe schlechthin: Rot ist die entscheidende Farbe auf dem Stoppschild. Beim Fußball wird ein Spieler mit einer Roten Karte vom Platz gestellt. Im Straßenverkehr gilt die Rote Ampel als der „große Diktator“. Als dann 1962 erstmals all jene Tier- und Pflanzenarten zusammengetragen wurden, die gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind, wurde nicht von ungefähr der Begriff Rote Liste gewählt.

In Brandenburg ist nun, nach zwölf Jahren, eine neue Rote Liste für alle Vogelarten erstellt worden, die dort brüten. Vogelkenner haben in den Weiten rings um Berlin 221 verschiedene Brutvogelarten gesichtet – davon 205 regelmäßig.

Umweltminister Axel Vogel (Grüne) sagte nun, dass davon 88 Arten in der Roten Liste als gefährdet eingestuft wurden. Das ist einerseits ein hoher Anteil von 44 Prozent. Doch der Wert lag in den Vergangenheit schon deutlich höher: Bei der Liste von 1997 waren nicht nur 88 Arten gefährdet, sondern 111, bei der Liste von 2008 waren es 86 Arten.

Großtrappen gibt es bundesweit nur noch im Land Brandenburg. Ohne Schutz des Menschen wären sie ausgestorben.
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„Die aktuelle Rote Liste der bedrohten Vogelarten in Brandenburg hat Licht- und Schattenseiten“, sagte Vogel. Neben dem hohen Anteil der gefährdeten Arten gibt es auch viele, denen es besonders gut geht. Bei 53 der 205 Arten ist der Bestand in Brandenburg doppelt so hoch wie zu erwarten wäre. Jedenfalls wenn die gesamte bundesweite Population mit dem Anteil Brandenburgs an der Gesamtfläche Deutschlands verglichen wird.

Es gibt sogar einige Arten, die fast nur noch in Brandenburg zu finden sind wie die Großtrappe. 1997 gab es nur noch 57 Exemplare dieser größten heimischen Vogelart, inzwischen sind es wieder mehr als 300. Und ihr bundesweit einziges Brutgebiet ist in Westbrandenburg und reicht ein Stück nach Sachsen-Anhalt. Beim global gefährdeten Seggenrohrsänger wurden die allerletzten 19 Exemplare im Jahr 2000 im Nationalpark Unteres Odertal in Nordbrandenburg gesichtet. Seither gilt er als ausgestorben.

Seggenrohrsänger gelten inzwischen als ausgestorben. Die letzten Exemplare wurden im Jahr 2000 in Nordbrandenburg gesichtet.
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Bei sieben Arten beherbergt Brandenburg mehr als die Hälfte des bundesdeutschen Bestands. So brüten 62 Prozent aller deutschen Fischadler in Brandenburg, beim Kranich sind es 34 Prozent, beim Wiedehopf sind es 51 Prozent. Für diese gefährdeten Arten trägt Brandenburg eine besondere Verantwortung. Deshalb werden sie als „Flaggschiff“-Arten bezeichnet und es wird viel unternommen, um sie zu retten. Bei dem seit den 70er-Jahren laufenden Schutz der Großtrappen hat sich gezeigt, dass es möglich ist, sogar extrem gefährdete Arten zu erhalten.

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Voraussetzung für einen wirksamen Vogelschutz ist es, den Bestand der Arten regelmäßig zu erfassen. Denn nur wenn das Ausmaß der Gefährdung bekannt ist, können die notwendigen Schritte unternommen werden. Wichtig sind dabei die sogenannten Trigger-Arten. Das sind jene Vögel, die in einer bestimmten Region so stark gefährdet sind, dass ihr Brutgebiet wegen ihnen unter Schutz gestellt wird. Von den Schutzmaßnahmen profitieren dann auch andere Vogelarten, die dort leben.

Die Rote Liste zeigt, wie unterschiedlich gefährdet die 88 Arten sind: So gelten 15 Arten als bereits ausgestorben. 26 Arten sind akut vom Aussterben bedroht, 15 sind stark gefährdet. 23 gelten als gefährdet, 9 Arten sind extrem selten. Es gibt auch noch 25 Arten, die auf einer Vorwarnliste geführt werden, weil ihr Bestand so massiv abnimmt, dass sie wohl bald als gefährdet eingestuft werden.

In Deutschland leben 51 Prozent aller Wiedehopfe im Land Brandenburg. 
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Einige Beispiele zeigen klare Verschlechterungen: So sind Birkhühner und Kampfläufer seit der vorherigen Liste in die Kategorie „ausgestorben“ gerutscht. Vom Aussterben bedroht sind auch Großtrappen, Schreiadler und Schwarzstörche.

Aber es gibt auch erfreuliche Entwicklungen. So galt der Seeadler 1997 noch als stark gefährdet. Nun steht er nicht mehr auf der Roten Listen. Gleiches gilt auch für den Fischadler. Deutliche Verbesserungen gibt es auch bei den Wanderfalken, Kranichen und Uhus.

Diese Arten stehen nicht mehr auf der Roten Liste, gleichzeitig kamen andere Arten dazu, die früher viel mehr verbreitet waren – wie Gelbspötter oder Wintergoldhähnchen.

Singschwäne sind viel seltener als Höckerschwäne. 31 Prozent aller deutschen Singschwäne leben in Brandenburg.
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Damit wird klar: Trotz aller Bemühungen ist es bislang nicht gelungen, den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen.

Der größte Schwund ist bei Vogelarten im Offenland und der Agrarlandschaft zu verzeichnen. Die Autoren der Roten Liste konstatieren, dass die Landwirtschaft „mit Abstand am häufigsten als Hauptgefährdungsgrund“ genannt wird. Denn durch das Insektensterben der vergangenen Jahrzehnte finden immer weniger Vögel ausreichend Nahrung.

Umweltminister Axel Vogel sagt: „Gemeinsam mit der Landwirtschaft können wir der Situation der Offenlandarten durch eine angepasste Landnutzung verändern.“ Gefordert sei mehr Ökolandbau, mehr Brachen und Randstreifen für Insekten, weniger Insektizide und Herbizide.

Aber auch in anderen Bereichen mahnen Fachleuten weitere Schritte an. Gefordert wird mehr Mut zum Wildwuchs in naturnahen Gärten und Parks. Außerdem soll der Wald weiter umgebaut und Moore renaturiert werden. Wichtig sind auch Ruhezonen für brütende Vögel, die an Seen vor Wassersportlern geschützt werden.